Reiseblog · Kapitel 3.19 · 23. September 2026

Schöner geht nicht mehr

Vier Ausflüge rund um Koh Samui. Und der Moment, in dem einem die Wörter ausgehen.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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Leute, ich muss euch von einem Problem erzählen, das ich auf dieser Reise bekommen habe. Es klingt albern, und trotzdem hat es mich zwei Wochen lang beschäftigt.

Mir sind die Wörter ausgegangen.

Ich habe an Tag eins „schön" gesagt und dachte, damit sei die Sache erledigt. Dann kam Tag drei, und ich musste auf „sehr schön" hochgehen. Dann kam eine Bucht, für die reichte auch das nicht mehr, also wurde daraus „superschön", was ungefähr so elegant klingt wie ein Achtjähriger, der von seinem Geburtstag erzählt.

Und dann stand ich an Tag zehn bis zu den Knien im Wasser, irgendwo zwischen zwei Felsen im Golf von Thailand, und hatte gar nichts mehr.

Schöner geht nicht mehr. Mehr habe ich nicht rausgebracht.

Um genau diese vier Stufen geht es heute. Vier Ausflüge rund um Koh Samui, und jeder hat mir ein Stück von meinem Wortschatz abgenommen. Kommt mit, ich nehme euch der Reihe nach mit raus.

Eine Sache noch, damit wir sie los sind: die Schweineinsel, Koh Mat Sum, über die ich im letzten Kapitel geschrieben habe. Lasst sie aus. Ihr wisst warum. Das Geld ist woanders deutlich besser aufgehoben, und wo, das erzähle ich euch jetzt.

Blick vom Aussichtspunkt über die gestaffelten Kalksteininseln des Ang-Thong-Nationalparks, dazwischen ein Boot
Zweiundvierzig Inseln. Und niemand sagt mehr etwas.

Schön: der Park, den die Marine fast bekommen hätte

Es ist kurz nach sieben, als wir ablegen. Das Meer liegt noch flach da, so ein Morgen, an dem das Wasser aussieht wie ausgeschüttetes Öl, und über der Insel hängt der Dunst so tief, dass man die Berge nur ahnt.

Dann dreht das Boot auf, und nach einer Weile tauchen sie auf. Erst einer, dann fünf, dann zu viele zum Zählen.

Zweiundvierzig Inseln aus Kalkstein, steile Klippen, die einfach aus dem Wasser wachsen, als hätte jemand sie dort hingestellt und vergessen, sie wieder wegzuräumen. Der Nationalpark Mu Ko Ang Thong. Tagestour von Koh Samui aus, sechs bis acht Stunden, und ich sage euch gleich dazu: Das ist kein Ausflug für die halbe Familie.

Der Aufstieg hat es in sich. Es geht über Fels und Wurzeln und über diese Holzstufen, die irgendwann jemand in den Hang genagelt hat und die seitdem der Dschungel zurückhaben will. Die Luft steht. Nach fünf Minuten läuft einem das Salzwasser von gestern noch mal aus allen Poren, nach zehn fragt man sich, ob das eine so gute Idee war.

Es raubt einem den Atem, und das meine ich diesmal ganz wörtlich.

Und dann steht man oben.

Ich sage euch: In dem Moment ist es vollkommen egal, wie man dahin gekommen ist. Unter einem liegen die zweiundvierzig Inseln in diesem grünblauen Wasser, dazwischen zieht ein Boot eine weiße Linie, und niemand in der Gruppe sagt mehr etwas. Nicht aus Erschöpfung. Sondern weil man in so einem Moment einfach nichts zu sagen hat.

Steiler Pfad mit Wurzeln, Fels und Seilgeländer im Dschungel des Ang-Thong-Nationalparks
Nach zehn Minuten fragt man sich, ob das eine so gute Idee war.

Und jetzt kommt die Sache, bei der es mir kalt den Rücken runtergelaufen ist, als ich sie später nachgelesen habe.

Diesen Ort hätte es beinahe nicht gegeben.

Die thailändische Marine wollte hier eine Basis bauen, zum Schutz des Golfs von Thailand. Jahrzehntelang kam niemand auf diese Inseln, weil ein Militärplan im Raum stand. Erst 1972 hat man angefangen, ernsthaft über das Gegenteil nachzudenken: das Gebiet schützen statt bewaffnen. Am 12. November 1980 wurde es per königlichem Dekret Nationalpark, der einundzwanzigste in Thailand.

Stellt euch das mal vor. Ein paar Unterschriften anders herum, und da unten lägen heute graue Schiffe statt dieser Boote.

Ein Ort, der fast eine Militärbasis geworden wäre. Und stattdessen der Ort wurde, an dem einer Gruppe erwachsener Menschen gleichzeitig die Worte ausgehen.

Die Schnorcheltour gehört mit ins Paket, und das Paket ist sein Geld wert. Nur in der Hauptsaison würde ich es lassen. Dann steht ihr auf dem Aussichtspunkt in einer Schlange, und Schlangen zerstören Momente zuverlässiger als schlechtes Wetter.

Das war Stufe eins. Schön.

Sehr schön: wo aus Party Yoga wurde

Am nächsten Tag geht es auf die Insel nebenan, und ich gebe zu, ich bin mit einem Vorurteil im Gepäck losgefahren.

Koh Phangan, das ist doch die mit der Full-Moon-Party. Die mit den Eimern voll Alkohol und den Leuchtfarben im Gesicht. Kennt man, hat man im Fernsehen gesehen, muss man nicht haben.

Ich lag falsch, und zwar gründlich.

Die Full-Moon-Party findet in Haad Rin statt, ganz am Zipfel der Insel. Und wisst ihr, was dort neunundzwanzig Tage im Monat los ist? Nichts. Absolut nichts. Dann kommt der Vollmond, und der Ort läuft über wie eine Badewanne, und am nächsten Morgen kehrt jemand die Scherben zusammen und es ist wieder still.

Der Rest der Insel hat damit ungefähr so viel zu tun wie der Ballermann mit Mallorca.

Fahrt mal in den Nordwesten, nach Sri Thanu. Dort steht heute ein Yogastudio neben dem anderen, dazwischen stille Cafés, Leute, die morgens um sieben auf der Matte sitzen statt um sieben ins Bett zu fallen. In den letzten Jahren sind Coworking Spaces dazugekommen, vom Platz am Strand mit einer Steckdose bis zum klimatisierten Büro.

Früher war es Silicon Valley. Heute trifft man sich auf Koh Phangan.

Offenes Café am Strand von Sri Thanu auf Koh Phangan mit Laptop, Kaffee und Yogamatten an der Wand
Sri Thanu. Hier sitzt man morgens um sieben auf der Matte.

Ihr müsst euch diese Insel so vorstellen: Die Straßen sind schmaler als auf Samui, also fährt man langsamer. Weil man langsamer fährt, hupt niemand. Weil niemand hupt, redet man leiser. Und weil man leiser redet, hört man das Meer schon zwei Straßen vorher.

Ich würde sagen, siebzig Prozent weniger Trubel als drüben. Und sauber ist es, was auf Koh Samui nicht selbstverständlich ist. Man merkt, dass die Leute, die hier ankommen, das so haben wollen und auch etwas dafür tun.

Thong Sala ist die Hauptstadt und das Drehkreuz, was man sucht, findet man dort. Von dort geht fast stündlich die Lomprayah-Fähre, einmal nach Koh Samui, einmal Richtung Bangkok. An der Ostküste entlang kommt Baan Tai, dann geht es hoch bis Thong Nai Pan Yai. Im Norden, in Chaloklum, wohnen viele ausgewanderte Familien, darunter eine große deutsche Gemeinde mit eigenen Schulen. Ein sehr deutsches Stück Thailand mitten in Thailand, und ich sage das ohne jeden Spott.

Ehrlich ist auch: Das ganz echte Thailand ist es nicht. Die Ostseite gehört den Ausländern, wenig Einheimische, dafür Cafés wie das Indigo mit französischem Croissant und Fitnessstudios, die luxuriöser sind als alles, was ich aus Deutschland kenne.

Aber was ihr auf dieser Insel nicht findet: einen McDonald's. Kein Kentucky Fried Chicken. Und komischerweise ist genau das ein Stück näher an Thailand als das, was drüben auf Samui inzwischen läuft.

Ich muss mich da übrigens an der eigenen Nase packen. Ich schreibe seit drei Kapiteln darüber, was der Tourismus mit dieser Gegend macht, und habe mir auf dieser Insel dann doch angeschaut, was ein Haus hier eigentlich kostet. Für längere Aufenthalte, hab ich mir gesagt. Ihr dürft das gern so verstehen, wie es gemeint war: Die Insel hat mich erwischt.

Das war Stufe zwei. Sehr schön.

Schmale ruhige Straße auf Koh Phangan mit einfachem Holzhaus, geparktem Roller und Palmen
Schmale Straßen. Deshalb fährt man langsamer. Deshalb hupt niemand.

Superschön: die Insel, die es vor hundert Jahren nicht gab

Wieder auf die Lomprayah, weiter nach Norden, und jetzt wird es nass.

Koh Tao. Übersetzt heißt das Schildkröteninsel, und wer hier hinfährt, fährt wegen einer einzigen Sache: wegen dem, was unter der Oberfläche ist. Mango Bay, Tanote Bay, beides Hotspots zum Tauchen und Schnorcheln. Das ganze Jahr über zu bereisen, mit einer Ausnahme: November und Dezember. Das ist Regen- und Sturmzeit, da würde ich es lassen.

Und jetzt haltet euch fest.

Bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts war diese Insel unbewohnt. Nicht dünn besiedelt. Unbewohnt. Da war wirklich nur die Schildkröte zu Hause, nach der sie benannt ist. Die erste Tauchschule kam 1991, die zweite 1994, und heute stehen über siebzig davon auf diesem kleinen Fleck. Koh Tao gehört inzwischen zu den Orten, an denen weltweit die meisten Tauchscheine im Jahr ausgestellt werden.

Von niemand zu Weltspitze in keinen hundert Jahren. Ich finde, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

Man merkt es den Leuten auch an. Hier läuft niemand mit Sonnenbrand und Cocktaileimer herum. Hier sitzen morgens Menschen in Neopren auf Bootsstegen und trinken Kaffee, und abends erzählen sie sich, was sie unten gesehen haben. Party gibt es auch, klar. Aber eine ganze Stufe gesitteter als in Haad Rin oder drüben in Chaweng und Lamai.

Eine Stufe weniger Lärm. Dafür eine Stufe mehr Leben.

Taucher steigt von der Leiter eines Bootes vor Koh Tao ins klare türkisfarbene Wasser
Koh Tao. Wer hier ankommt, will unter die Oberfläche.

Lebensqualität zählt hier mehr als das endlose Abfeiern anderswo. Und ich bin an einem Punkt in meinem Leben, an dem mir das um einiges lieber ist.

Das war Stufe drei. Superschön.

Und dann kam der Morgen, an dem mir die Wörter endgültig ausgegangen sind.

Schöner geht nicht mehr

Ihr müsst früh raus. Das ist der wichtigste Satz in diesem ganzen Kapitel, und deshalb steht er ganz vorne: Nehmt die erste Lomprayah des Tages.

Koh Nang Yuan öffnet um zehn. Wer vorher drüben ist, hat sie fast für sich. Ab halb elf ist sie voll, und dann ist der Zauber weg, dann ist es ein Ausflugsziel wie jedes andere.

Wir waren vorher da.

Drei winzige Inseln, verbunden durch Sandbänke, die sich zwischen ihnen durchschlängeln wie ein hingelegtes Band. Auf der einen Seite liegen die großen Taucherboote, auf der anderen kommen die Fähren an, und dazwischen ist der Bereich, in dem man ins Wasser geht.

Und jetzt stellt euch das bitte wirklich vor, weil ich es sonst nicht rüberbringe.

Ihr steht bis zu den Knien im Wasser. Es ist warm, es ist so klar, dass ihr eure eigenen Füße im Sand liegen seht, als läge nichts dazwischen. Ihr geht zwei Schritte weiter, und dann seid ihr umgeben. Nicht „da schwimmt ein Fisch". Sondern: Hunderte. Von allen Seiten, in allen Farben, so nah, dass sie euch an den Waden vorbeistreifen. Sie hauen nicht ab. Sie interessieren sich nicht besonders für euch. Ihr seid einfach mit im Bild.

Dazwischen liegen Riesenmuscheln im Sand, und irgendwo darüber steht die Sonne so flach, dass das ganze Wasser aussieht wie von unten beleuchtet.

Das ist das Foto, das ihr aus jedem Thailand-Bildband kennt. Ihr kennt es wirklich, ihr wisst nur nicht, dass es dieser Ort ist.

Die geschwungene Sandbank zwischen den drei Inseln von Koh Nang Yuan im Morgenlicht
Koh Nang Yuan. Das Foto, das ihr kennt, ohne zu wissen, woher.

Ich habe fünfundzwanzig Jahre lang von oben auf diese Welt geschaut. Ich bin über Ozeane geflogen, über Wüsten, über Städte, die nachts aussehen wie umgekippte Schmuckkästen. Ich dachte ehrlich, ich hätte das meiste gesehen.

An dem Morgen stand ich bis zu den Knien im Wasser und habe gemerkt: von oben hat man gar nichts gesehen.

Man muss schon hineinsteigen. Anders geht es nicht.

Dichter Schwarm bunter Rifffische über hellem Sandgrund und einer Riesenmuschel im flachen Wasser
Zwei Schritte weiter, und man ist umgeben.

Und jetzt der unromantische Teil

So, genug geschwärmt. Jetzt kommen die Dinge, die euch niemand sagt und die euch den Tag retten können.

An alle Drohnenpiloten: Wagt es nicht. Und ich meine das ernst. Die Insel gehört dem thailändischen Schatzamt und ist ausschließlich an das Nangyuan Island Dive Resort verpachtet, das damit auch den Zugang regelt. Wer ohne Genehmigung eine Drohne aufsteigen lässt, riskiert bis zu hunderttausend Baht Strafe und ein bis fünf Jahre Gefängnis. Das klingt nach schlechtem Scherz. Es ist die Gesetzeslage.

Der legale Weg, den ich selbst genommen habe: von Sairee Beach auf Koh Tao aus starten und die Insel von dort aufnehmen. Sieht am Ende genauso nach Postkarte aus, und man schläft deutlich besser.

Keine eigenen Plastikflaschen. Die Taschen werden kontrolliert. Eintritt kostet es auch.

Essen würde ich dort nicht. Es gibt genau eine Bar auf der Insel, und die ist unterirdisch. Das Essen mittelmäßig, der Service für thailändische Verhältnisse unfreundlich, und wer schon mal in Thailand war, weiß, was das heißen will. Nehmt stattdessen ein Longtail-Boot zurück nach Koh Tao. Ab sechzehn Uhr fahren Shuttle, oder ihr organisiert es selbst. Wir haben zu viert dreihundert Baht bezahlt, zwanzig Minuten bis Sairee Beach, und dort sitzt ihr dann mit den Füßen fast im Sand, bekommt hervorragend zu essen, zahlt fast nichts und redet mit Leuten, die euch nichts verkaufen wollen.

Für alle, denen schnell schlecht wird: Nehmt den Lomprayah-Katamaran statt des Speedboots. Von Koh Samui aus mit Zwischenstopp auf Koh Phangan etwa zwei Stunden. Dauert länger, aber der Magen bleibt, wo er hingehört, und ihr kommt an, statt durchgeschüttelt zu werden.

Und ja, das alles kostet. Über einen Reiseveranstalter wären wir zu viert bei rund fünfhundert Euro gelandet. Selbst organisiert deutlich weniger, für dieselbe Insel, dasselbe Wasser, denselben Morgen. Es lohnt sich, einmal selbst zu fragen. Das ist inzwischen so etwas wie mein Lieblingssatz in diesem Land.

Mittags würde ich zurück nach Koh Tao. Die letzte Fähre nach Samui geht um halb fünf, und die will man nicht verpassen.

Katamaran-Fähre legt bei Sonnenuntergang von einem Holzsteg ab
Halb fünf. Die will man nicht verpassen.

Warum ich euch das alles erzähle

Ihr sitzt jetzt vermutlich irgendwo, wo es grau ist. Vielleicht in der Bahn, vielleicht auf der Couch, vielleicht in einer Mittagspause, die zu kurz ist.

Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich sitze hier auch gerade in Deutschland und schreibe das, und draußen ist es siebzehn Grad.

Aber ich habe diese vier Tage im Kopf, und die kann mir keiner nehmen. Der Morgen auf dem Boot, als die Inseln aus dem Dunst kamen. Die Insel, auf der alle leiser reden. Die Menschen auf dem Bootssteg in ihren Neoprenanzügen. Und dieser eine Moment im Wasser, in dem plötzlich hundert Fische um einen herum sind und man vergisst, dass man sich irgendwann wieder abtrocknen muss.

Deshalb schreibe ich das hier auf. Nicht, damit ihr wisst, was die Fähre kostet, obwohl das auch dabeisteht.

Sondern damit ihr für zehn Minuten dort seid statt hier.

Und wenn ihr irgendwann selbst hinfahrt, dann tut mir einen Gefallen: Nehmt die erste Fähre. Steht früh auf. Geht ins Wasser, auch wenn ihr eigentlich nur die Füße nass machen wolltet.

Und dann lasst euch ruhig die Wörter ausgehen. Das ist kein schlechtes Zeichen.

Sawadee Khrap.

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Dominik

Zwischen Himmel und Erde · Podcast

Die Podcast-Folgen zu den Thailand-Kapiteln spreche ich ein, sobald ich zurück in Deutschland bin. Sie werden hier nachgereicht.

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