Reiseblog · Kapitel 3.18 · 20. September 2026

Ich saß in der Mitte

Zweiter Teil Koh Samui. Ein Drache aus Bambus und Stoff, fünfundzwanzig Jahre, und eine Insel, die es so nicht mehr gibt.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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Ich habe einen Drachen auf der Haut, und der ist kein Urlaubssouvenir.

Ich habe ihn mir nicht in einem Katalog ausgesucht, er bedeutet nichts Modisches, und ich habe ihn auch nicht besoffen in einer Gasse machen lassen. Er kommt von dieser Insel. Von hier.

Vor fünfundzwanzig Jahren war ich zum ersten Mal auf Koh Samui. Backpacker, sehr wenig Geld, sehr viel Zeit, ein Leben, das mit dem heutigen ungefähr so viel zu tun hat wie ein Foto mit dem Menschen darauf.

Und ich bin damals bei einer Drachenschule gelandet. Nicht als zahlender Gast, nicht als Tourist mit Kamera. Privat. Ich durfte dabei sein, und irgendwann durfte ich mitmachen.

Ich erzähle das nicht, weil es eine schöne Anekdote ist. Ich erzähle es, weil ihr sonst nicht versteht, warum ich über diese Insel schreibe wie über eine alte Bekannte und nicht wie über ein Reiseziel.

Tropischer Sandstrand auf Koh Samui mit klarem türkisfarbenem Wasser und einer bewaldeten Felseninsel am Horizont
Fünfundzwanzig Jahre. Dieselbe Insel, ein anderer Mensch.

Warum ein Drache lebt

Ein Drachentanz sieht von außen aus wie Folklore. Buntes Tier, viel Lärm, Trommeln, fertig.

Von innen ist es Mathematik.

Der Tanz ist ursprünglich chinesisch, über zweitausend Jahre alt, und er war am Anfang gar kein Tanz, sondern ein Regenritual. Man baute einen Drachen, weil man Wasser brauchte. Nach Thailand kam er nicht über die Thais, sondern über die chinesischen Familien, die seit Jahrhunderten hier leben. Auf Koh Samui kommen sie überwiegend aus Hainan, nicht wie im Rest des Landes aus Teochew. Deshalb steht in Nathon ein Hainan-Tempel und kein anderer.

Ein normgerechter Tanzdrache ist vierunddreißig Meter lang. Neun Hauptteile, und im Inneren sitzen die Ringe fünfunddreißig Zentimeter auseinander, was einundachtzig Ringe ergibt. Neun mal neun. Nichts davon ist zufällig, neun ist in China die vollkommene Zahl.

Der Kopf eines großen Paradedrachen wiegt vierzehn Kilo. Den trägt man nicht mal eben.

Und jetzt der Teil, der mich damals umgehauen hat und der mich bis heute nicht loslässt.

Dieses Tier wirkt lebendig, weil niemand synchron ist.

Die Welle, die durch den Körper läuft, entsteht nicht dadurch, dass alle gleichzeitig ihre Stange heben. Sie entsteht dadurch, dass jeder ein winziges Stück später hebt als der vor ihm. Wären alle exakt im selben Moment oben, würde der Drache nicht fliegen. Er würde zappeln.

Das Leben in diesem Tier ist der Zeitversatz.

Der Drache lebt nicht, weil einer gut tanzt. Er lebt, weil alle ein bisschen versetzt tanzen. Ich habe ziemlich lange gebraucht, um zu verstehen, dass das nicht nur für den Tanz gilt.

Vorne läuft ein Mann mit einer Kugel auf einem Stock. Die Perle. Er ist keine Deko, er bestimmt Tempo und Richtung von dreißig Metern Tier. Der Drache jagt ihr hinterher, und die Perle bedeutet Weisheit, und darum geht die Figur auch nie auf. Der Drache erreicht sie nicht. Nie. Das ist der Sinn.

Der Kopf richtet sich nach der Trommel. Der Schwanz richtet sich nach dem Kopf. Und die undankbarste Stelle im ganzen Tier ist die fünfte Sektion, die Mitte, weil dort die Bewegungsrichtung am häufigsten kippt. Wer in der Mitte schläft, bricht dem Tier das Rückgrat.

Kopf und Schwanz sind die Stars. Die Mitte ist die Arbeit.

Ich saß in der Mitte.

Ich war zwanzig, ich hatte keine Ahnung von diesem Land, und ich habe dort in ein paar Wochen mehr über Thailand gelernt als in jedem Reiseführer, den ich später gelesen habe. Nicht über Tempel und Öffnungszeiten. Über die Frage, wie Menschen zusammen etwas tragen, das keiner allein tragen kann.

Deshalb ist der Drache auf meiner Haut. Und deshalb ist diese Insel für mich nicht irgendeine.

Großes Drachen-Tattoo auf einer Schulter, daneben das chinesische Schriftzeichen für Wohlstand
Er kommt von hier. Das ist der ganze Punkt.

Und jetzt das Schwierige

Die Orte, an denen ich damals war, gibt es nicht mehr.

Keinen einzigen.

Ich habe in diesen zwei Wochen gesucht. Ich bin Straßen abgefahren, von denen ich dachte, ich erkenne sie wieder, und ich habe nichts wiedererkannt. Der Tourismus hat sie gefressen, einen nach dem anderen, und übrig geblieben ist eine Insel, die in fünfundzwanzig Jahren explodiert ist.

Es gibt übrigens einen Brauch, der dazu passt und den ich erst später gelernt habe: Ausgediente Tanzdrachen werden nicht aufbewahrt. Sie werden verbrannt. Man hebt sie nicht auf, man lässt sie gehen.

Ich bin nicht sicher, ob ich das schon kann.

Trotzdem, und das ist kein Trostpflaster: Diese Insel hat immer noch alles, wofür ich sie mag. Man muss nur ein Stück weiterfahren als die anderen. Und genau dahin nehme ich euch jetzt mit.

Wo gar nichts ist

Fangen wir da an, wo nichts ist. Unterhalb von Nathon, der Hauptstadt, liegt Lipa Noi.

Tourismus: praktisch null. Es ist auch nicht der spektakulärste Strand der Insel, und genau darum geht es. Da ist nichts. Sonne, Strand, Meer, Ruhe. Ein paar kleine Bars mit ganz normalen Preisen, nicht mit diesen Fantasiezahlen, die einem woanders hingelegt werden.

Der Sand fällt flach ab, der Weg ins Wasser ist ein Stück länger. Man läuft und läuft, das Wasser steht einem irgendwann an den Knien, dann an der Hüfte, und der Grund bleibt weich und hell.

Und irgendwann dreht man sich um und merkt, dass man die Insel nicht mehr hört.

Glasklar, so weit das Auge reicht, und abends dieser Sonnenuntergang. Mehr kann ich dazu nicht schreiben. Man muss es erlebt haben. Manche Schönheit lässt sich nicht so detailliert in Worte fassen, wie man sie gesehen hat, und ich will es auch gar nicht versuchen, weil ich sie dabei kaputtmachen würde.

Aufpassen müsst ihr trotzdem: Quallen gibt es auch hier ab und zu.

Geht rein

Und wenn ihr schon da seid, dann geht rein. Bitte.

Wir kennen das aus Europa kaum noch. Man geht ins Mittelmeer, schaut nach unten, und wenn man Glück hat, schwimmt ein einzelner Fisch vorbei, der genauso überrascht ist wie man selbst.

Hier betritt man eine andere Welt. Man steht bis zur Brust im Wasser, macht die Augen unter der Oberfläche auf, und dann ist man umgeben. Von Farben, von Bewegung, von Leben.

Kleine Fische, die einem um die Waden schießen. Größere, die in Ruhe vorbeiziehen und nicht einmal ausweichen. Eine Krabbe, die es sehr eilig hat. Und irgendwann zieht eine Garnele an einem vorbei, die man sonst nur aus der Tom-Yum-Suppe kennt, und man steht da und denkt: Ach so. So sieht die aus, wenn sie noch lebt.

Thailand wird von vielen mit Füßen getreten, auch von den eigenen Leuten, das muss man ehrlich sagen. Und trotzdem setzt sich das Leben hier durch. Es ist einfach da, konsequent, unbeirrbar.

Ich nenne mich Ocean Zero, ich liebe das Meer, und ich habe in meinem Leben in eine Menge Meere geschaut. Das hier ist ein Paradies. Ich zelebriere das, jedes Mal, und ich weiß genau, was ich daran habe.

Das einzige Störglied in dieser Kette ist der Mensch. Wer sich anständig benimmt, ist auch im Meer willkommen.

Blick unter Wasser auf einen Schwarm gestreifter Riffbarsche, Korallen und eine große Muschel im flachen klaren Meer
Augen auf unter der Oberfläche. Und dann ist man umgeben.

Khao Nab, und es tut mir weh

Jetzt ein Geheimtipp, und zwar einer, bei dem es mir fast weh tut, ihn aufzuschreiben. Weil er dann keiner mehr ist.

Es gibt einen Punkt auf dieser Insel, den kaum jemand kennt. Man steht dort oben, und unter einem liegt der ganze Dschungel. Grün bis zum Horizont, dazwischen der Rauch von irgendeinem Feuer, und aus der Tiefe kommt dieses dauernde Zirpen herauf, das hier nie aufhört.

Und was abends am Himmel passiert, bekomme ich nicht beschrieben, ohne kitschig zu werden.

Der Ort heißt Khao Nab. Gebt das mal bei Google ein, wenn ihr mir nicht glaubt.

Er liegt nicht weit vom Hin-Lat-Wasserfall, den ich euch im letzten Kapitel schon ans Herz gelegt habe. Wer ein Foto von dieser Insel machen will, das nicht aussieht wie tausend andere, macht es dort oben.

Da, wo es unangenehm wird

Weiter nach Westen, nach Taling Ngam, Moo 3. Schöner Strand, ruhig, einen Besuch wert.

Aber hier passiert noch etwas anderes, und darüber möchte ich nicht hinwegschreiben.

In dieser Gegend wohnen viele Thais, die sich aus den touristischen Ecken zurückgezogen haben. Und wenn man da langfährt, sieht man zum ersten Mal, wie arm ein Teil der Menschen hier tatsächlich ist. Was sie arbeiten. Was sie bereit sind zu geben. Für den einen oder anderen Ausländer ist das ein Schock, und ich finde, das darf es auch sein.

Man fährt durch eine Gegend, die wunderschön ist, und begreift gleichzeitig, dass diese Schönheit für die Leute, die hier leben, kein Urlaub ist.

Dort steht auch ein kleiner Tempel, Wat Kiri Bongkaran. Winzig, still, keine Touristen. Kein Parkplatz, kein Schild, kein Eintritt. Ein paar verblasste Figuren, Räucherstäbchen, die irgendwann heute jemand angezündet hat, und sonst nichts.

Die Thais schauen einen mit großen Augen an, wenn man dort auftaucht. Nicht unfreundlich, eher verwundert. Was machst du denn hier?

Ich glaube, sie sind es einfach nicht gewohnt, dass jemand von uns den Weg dorthin findet.

Ganz in der Nähe liegt noch ein Aussichtspunkt, Five Islands. Lohnt sich für ein Foto. Für mehr nicht, da will ich euch nichts vormachen.

Thailändischer Tempel mit rotem Ziegeldach und goldenen Verzierungen hinter einem Teich, im Vordergrund Frangipani-Blüten
Man findet sie überall auf der Insel. Man muss nur abbiegen.

Moo 4, oder: was übrig ist

Wer Abenteuer will und wilde Natur, fährt Richtung Nordosten, nach Plai Laem. Ein paar Treppen runter zum Strand, und unten sitzen Locals, oft Jugendliche. Touristen kaum.

Und dann kommt Moo 4.

Das ist die Ecke, in der ich am längsten stehen geblieben bin. Thai-Häuser auf Stelzen, Bambushütten, ein paar alte Anlagen, die schon da waren, bevor hier irgendjemand von Instagram gehört hat. Tourismus nahezu null. Wer sich hierher verirrt, hat sich nicht verirrt, sondern weiß genau, was er sucht.

Das ist am nächsten dran an der Insel, die ich kannte.

Spart euch die Schweineinsel

Und jetzt zu dem Teil, für den ich vermutlich Post bekomme.

Von Thong Tanot starten die Touren. Jetski, Bootsausflüge, und vor allem Koh Mat Sum, besser bekannt als die Schweineinsel.

Ich war da. Einmal.

Ihr müsst euch das so vorstellen: eine kleine Insel, ein paar Holzbuden, Bierbänke, Stühle, alles für den Tourismus hingestellt. Und ringsherum Schweine. Junge Schweine, große Schweine, Schweine im Sand.

Ich sage es geradeheraus: Das ist ein Touristen-Rip-off. Die Thais vermarkten, was sie haben, und das kann ich ihnen nicht vorwerfen, sie müssen alle irgendwie Geld verdienen. Aber das Geld ist es nicht wert.

Und dann geht man einmal auf die Rückseite der Insel.

Dort ersäuft alles im Müll. Er wird nicht abtransportiert, er wird gesammelt und angezündet, meistens kurz bevor der Regen kommt. Man riecht es, bevor man es sieht. Verbrannter Kunststoff, süßlich und beißend zugleich, und der Wind trägt es einmal quer über die Insel.

Das ist das, was auf den Fotos nicht drauf ist.

Wer trotzdem hin will, bitte. Dann aber wenigstens nicht über einen Veranstalter in Chaweng oder Lamai. Dort seid ihr pro Person ungefähr 1500 Baht los. Fahrt stattdessen selbst an den Strand und geht in das kleine Café. Es ist neu, im November war es noch nicht da. Fragt den Besitzer. Ein sehr netter Mann, der eigene Longtailboote hat. 2500 Baht für vier Personen. Für dieselbe Fahrt.

Koh Tan und ein Ort, den es vielleicht nicht mehr gibt

Nebenan liegt Koh Tan, die größere Insel, und die lohnt sich. Zwei schöne Strände, einer davon Ao Bud Mon.

Und dort steht etwas, das mich nicht losgelassen hat: das Tan Marina Bay Resort. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, ob es noch geöffnet ist. Als ich da war, sah alles aus wie eine Geisterstadt. Die Bewertungen im Netz sind durchweg schlecht, ich vermute, es ist zu.

Aber schön ist es. Eine Bucht, ein Strand, über den man nicht reden muss, und sonst nichts. Kein Lärm, keine Musik, keine Stimmen. Man hört ausschließlich Natur.

Vermutlich ist genau das der Grund, warum kaum jemand hinfährt. Den meisten ist es zu ruhig.

Mir nicht. Ich bin da eine ganze Weile gestanden und habe nichts gemacht.

Geschwungene Bucht auf Koh Tan mit hellem Sand, Palmen und einem Longtailboot im Abendlicht
Koh Tan. Den meisten ist es hier zu ruhig.

Giant Summit, und ein Franzose, der zu schnell war

Jetzt mein eigentlicher Tipp auf dieser Insel, und ich sage das mit Absicht so deutlich: Giant Summit Samui.

Aber vorher eine Warnung, und die meine ich ernst.

Die Fahrt dort hinauf ist kein Zuckerschlecken. Sie ist anstrengend, es gibt Gegenverkehr, und man kann an vielen Stellen nicht über die Kuppe schauen. Wer keine Rollererfahrung hat, für den ist das nichts.

Ich war letztes Jahr im November oben und habe dort einen Bekannten getroffen. Hinter uns kam ein Franzose, der meinte, er müsse ein bisschen schneller fahren. Er konnte nicht sehen, was hinter der Kuppe kommt, ist darüber hinausgeflogen und mit dem Roller gegen einen Baum geprallt.

Offene Fraktur. Das Geschrei höre ich heute noch.

Das hat nichts mit diesem Ort zu tun. Aber es hat viel damit zu tun, wie man dort hinkommt.

Und dann steht man oben.

Das Restaurant liegt auf Stelzen, die Gebäude ringsherum auch, selbst die Toilette ist ein Hingucker: lauter einzelne Häuschen, in den Dschungel gebaut. Es riecht nach warmem Holz und nach Küche. Unter den Dielen arbeitet der Wind.

Man tritt auf die Terrasse, und dann kommt dieser Moment, den man nicht steuern kann.

Der Blick geht über die komplette Nordostküste. Man sieht Inseln liegen, man erkennt den Nationalpark. Und man sagt eine Weile lang gar nichts.

Das Personal ist herzlich, das Essen frisch und sehr gut. Eine Warnung noch für die empfindlichen Zungen: Auch wenn ihr sagt, dass ihr es nicht scharf wollt, es ist scharf. Das sind hier oben noch richtige Thais. Sagt lieber zweimal Bescheid.

Jedes Mal, wenn ich nach Koh Samui komme, steht dieser Ort ganz oben auf meiner Liste. Jedes Mal.

Blick von einer Holzterrasse über den Dschungel auf die Küste und die vorgelagerten Inseln von Koh Samui
Man tritt auf die Terrasse und sagt eine Weile lang gar nichts.

Und was ihr euch sparen könnt

Es gibt ein zweites Café mit Aussicht, The Roof Samui. Dort schaut man in die andere Richtung, nach Südosten: Flughafen, Chaweng Beach, fast bis Lamai. Auch schön. Aber deutlich kommerzieller.

Wenn man dort hinkommt, wird erwartet, dass man isst und trinkt. Für vier Personen seid ihr bei ganz normalem thailändischem Essen mit hundert bis hundertzwanzig Euro dabei. Für thailändische Verhältnisse ist das nicht von diesem Planeten.

Und dann ist da der Overlap Stone, den angeblich jeder gesehen haben muss.

Der Platz war zwischenzeitlich gesperrt, warum genau, hat man nie richtig mitgeteilt. Daraufhin hat sich der Parkplatzwächter kurzerhand seinen eigenen Overlap Stone gebaut, mit Aussichtsplattform. Inzwischen gibt es Overlap Stone 1 und Overlap Stone 2, und der erste ist schlicht Abzocke. 300 Baht für etwas, das jemand nachgebaut hat.

Wichtiger als das Geld: Die Anfahrt ist wirklich gefährlich. Nicht anstrengend, nicht sportlich. Gefährlich. Wer nicht sicher Roller fährt, lässt das. Ich möchte nicht dramatisch klingen, aber es ist keinen Spaß wert, sich dort das Leben zu ruinieren.

Fahrt stattdessen zum Giant Summit. Da habt ihr die schönere Aussicht, und ihr kommt heil wieder runter.

Beim Jungle Club spare ich mir jeden Kommentar bis auf diesen: zu teuer, gefährliche Anfahrt, lasst es. Und ehrlich gesagt hat das für mich mit Thailand nicht mehr viel zu tun.

Ein Tipp noch in die andere Richtung, und den einzigen zu einer Unterkunft, den ich in diesem Kapitel gebe: Wer auf der südwestlichen Seite schlafen kann, sollte das tun. Rocky's Boutique Resort. Klein, ruhig, malerisch, ein steiniger Strand, Barbecue und Feuershows am Abend, Kajaks umsonst. Günstig ist es nicht. Aber es ist keine Maschine, es ist ein Ort.

Das letzte Restaurant auf der linken Seite

Lamai Beach ist Tourismus, und das ist in Ordnung. Langer Strand, Massagen, Jetski, alles da. Wenn ihr Ruhe sucht, habe ich euch andere Strände genannt, Bang Tai mit der Bamboo Bar oder Lipa Noi. Lamai ist das Gegenteil davon, und manchmal will man genau das.

Aber eine Sache möchte ich euch wirklich ans Herz legen.

Geht auf den Lamai Night Market. Ja, es gibt dort Spareribs und Burger und französische Sandwiches, ja, es ist touristisch. Egal.

Wenn ihr reingeht, haltet euch links. Das letzte Restaurant auf der linken Seite, das mit den roten Stühlen und den roten Tischen.

Die Frau, die dort kocht, ist eine herausragende Köchin. Man sieht ihr eine Weile zu, wie sie den Mörser nimmt, Chili und Limette hineinwirft und dabei gar nicht hinschaut, weil sie es seit dreißig Jahren so macht.

Der beste Papayasalat, den ich auf dieser Insel gegessen habe. Der beste Mangosalat. Das beste Pad Thai. Und das zu ganz normalen thailändischen Preisen, leicht erhöht, aber normal.

Zu viert, mit Getränken, unter zwanzig Euro. Und man geht da raus wie ein sehr zufriedener Buddha.

Überdachter Nachtmarkt auf Koh Samui mit roten Plastikstühlen, roten Tischen und Garküchen unter Lichterketten
Das mit den roten Stühlen und den roten Tischen. Ihr findet es.

Warum es zwickt

Dann kommen Coral Bay und Crystal Beach. Tourismus pur, komplett überlaufen, man zahlt sogar für den Rollerparkplatz. Die kleinen Buchten dort sind ruhig und wunderschön für ein Foto.

Aber wundert euch nicht, wenn ihr ins Wasser geht und das Gefühl habt, ihr werdet die ganze Zeit gezwickt.

Ich habe das im letzten Kapitel schon erwähnt und dann nachgelesen, was da eigentlich passiert. Es sind keine Insekten, und gebissen wird auch niemand.

Es sind winzige Quallenlarven. Kaum einen Millimeter groß, im Wasser praktisch unsichtbar, und sie tragen dieselben Nesselzellen wie die ausgewachsenen Tiere. Sie verfangen sich unter dem Badeanzug oder der Badehose, dort werden sie eingeklemmt und feuern ab. Deshalb sitzt das Zwicken auch immer genau da, wo der Stoff liegt.

Im Englischen heißt das sea lice, Seeläuse, was völlig in die Irre führt, weil es keine Läuse sind. Der medizinische Name ist Seabather's Eruption.

Harmlos, nicht giftig, kein Grund zur Sorge. Ein Tipp aber, weil er wirklich hilft: Die Larven sitzen im Stoff, nicht auf der Haut. Wer nach dem Baden in der Badehose duscht, drückt sie hinein. Erst die Badesachen ausziehen, dann duschen, dann alles mit Süßwasser durchwaschen.

Und am besten badet ihr, wie im letzten Kapitel gesagt, auf der Ostseite.

Zwei Kaffee und ein Warten

Bevor ich zu Chaweng komme, eine kleine Sache, die zu meinen liebsten Erinnerungen aus diesen zwei Wochen gehört, obwohl gar nichts passiert ist.

Ich bin Frühaufsteher. Meine Kinder sind es nicht.

Also saß ich morgens allein irgendwo und habe gewartet, bis oben die Augen aufgingen. Meistens im King of Bread, manchmal im Wine Beach Samui, oben über der Bucht von Chaweng. Guter Kaffee, nettes Personal, ein Blick aufs Wasser und ungefähr eine Stunde, in der niemand etwas von mir wollte.

Ich habe da gesessen und der Insel beim Wachwerden zugesehen.

Wenn ihr Kinder dabeihabt und irgendwann feststellt, dass ihr der Einzige seid, der schon wach ist: Das ist kein verlorener Morgen. Das ist der beste Teil vom Tag.

Was aus dem Dorf geworden ist

Und jetzt Chaweng. Das fällt mir schwerer, als es klingt.

Vor zwanzig Jahren war Chaweng ein Dörfchen. Eine Bar, daneben Muay-Thai-Boxen, eine Massage, vielleicht noch eine dieser typischen Bars mit rotem Licht. Das war es.

Heute ist es explodiert. McDonald's, Burger King, Pizza Hut, Kentucky Fried Chicken, ein Central Festival, Nachtmärkte, ein irischer Pub, eine Coffeeshop-Kette an der nächsten. Eins nach dem anderen, ohne Pause.

Chaweng hat seinen Stil verloren. Es fühlt sich an wie Gran Canaria mit Palmen: Bar neben Bar neben Club, laut, teuer, austauschbar. Wer feiern will, ist hier goldrichtig. Von elf Uhr vormittags bis fünf Uhr früh findet man alles, was man sucht.

Ich suche das nicht mehr. Aber ich gönne es jedem, der es sucht.

Eines hat sich übrigens zum Besseren geändert, und das sage ich ausdrücklich: Das Rotlichtviertel war früher über die ganze Insel verteilt. Heute sitzt es zentral in einer Ecke von Chaweng, zusammen mit dem Muay Thai. Das ist gut so. Man läuft nicht mehr aus Versehen mit Familie hinein.

Eine Empfehlung habe ich trotzdem: Wenn ihr in Chaweng authentisch essen wollt, geht auf den White Market. Bis dreiundzwanzig Uhr, alles da, sehr gut. Mir persönlich ist es zu voll, ich sitze lieber in Lamai und lasse mich bedienen. Aber das ist Geschmack, nicht Qualität.

Und weiter oben, in Moo 5, liegt Thongson Beach. Hippies, Aussteiger, Strandbars, sehr entspannt. Für Familien mit Kindern würde ich es nicht empfehlen, denn dort wird geraucht, und zwar nicht nur Tabak.

Ich will nicht scheinheilig sein. Ich habe in meinem Leben zu der einen oder anderen Tüte nicht nein gesagt. In Thailand nie. Aber was hier inzwischen los ist, ist mir zu viel. Man geht irgendwo hin, und es riecht nur noch danach. Und wenn das in Ecken passiert, in denen Kinder spielen, finde ich es respektlos gegenüber allen, die darauf keine Lust haben.

Und wie immer sind es nicht die Thais. Es sind wir.

Von dort schaut man übrigens direkt hinüber nach Koh Phangan, auf den Haad Rin Beach, wo die Full-Moon-Partys stattfinden. Aber das ist die Geschichte für das nächste Kapitel.

Belebter Nachtmarkt in Chaweng bei Dunkelheit mit Garküchen, Leuchtreklame und dicht besetzten Tischen
Vor zwanzig Jahren stand hier eine Bar. Eine.

Warum ich trotzdem wiederkomme

Das ist mein ehrliches Fazit nach diesen zwei Wochen: Koh Samui ist die Insel, die ich jedem empfehle, der noch nie in Thailand war.

Sie hat den schönsten Flughafen des Landes. Sie hat, neben Bangkok und Phuket, die größte kulinarische Vielfalt. Sie ist perfekt für Familien und perfekt für Kinder. Und sie ist mild genug, um dieses Land zum ersten Mal zu verstehen, ohne davon erschlagen zu werden.

Sie ist die Leitvariante von Thailand. Der Einstieg.

Und für mich ist sie etwas anderes. Für mich ist sie der Ort, an dem mir mit zwanzig jemand eine Bambusstange in die Hand gedrückt und mir beigebracht hat, wie man ein Tier lebendig macht, das aus Stoff ist.

Die Orte von damals sind weg. Der Drache ist geblieben, auf meiner Haut und im Kopf.

Und diese Insel ruft mich weiter. Immer wieder.

Im nächsten Kapitel

Damit ist Koh Samui selbst erzählt. Was fehlt, ist das Wasser drumherum.

Beim nächsten Mal nehme ich euch mit hinaus: in den Ang-Thong-Nationalpark, hinüber nach Koh Phangan, wo die Digitalnomaden sitzen und einmal im Monat die Welt untergeht, nach Koh Tao zum Tauchen und auf diese eine Sandbank zwischen zwei Felsen, die auf jedem Thailand-Foto klebt.

Und ich sage euch auch dort, was die Dinge kosten dürfen und was nicht.

Sawadee Khrap.

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Dominik

Zwischen Himmel und Erde · Podcast

Die Podcast-Folgen zu den Thailand-Kapiteln spreche ich ein, sobald ich zurück in Deutschland bin. Sie werden hier nachgereicht.

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