Vanlife · Kapitel 5.5 · 26. August 2026

Ich kannte Lissabon nur vom Flughafen

Von Peniche nach Süden: ein Wächter über der Bucht, ein Mädchen im Kofferraum eines Golf I, ein Parkwärter mit einem Satz über Deutsche und am Abend ein ganz normaler Parkplatz mit dem besten Blick weit und breit.

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Es gibt Städte, die man kennt, ohne je in ihnen gewesen zu sein.

Lissabon war so eine für mich. Fünfundzwanzig Jahre lang bin ich dort gelandet, bin ausgestiegen, bin durch dieselben Gänge gelaufen, habe im selben Hotel geschlafen und bin am nächsten Morgen wieder gestartet. Flughafen, Crewbus, Zimmer, Flughafen. Das war Lissabon für mich.

Ich wusste, wie diese Stadt im Morgenlicht unter der Tragfläche liegt. Ich wusste, an welcher Stelle im Anflug der Tejo auftaucht und wie das Wasser dann kurz aufblitzt, wenn die Sonne richtig steht. Ich wusste nicht, wie sie riecht.

Fünfundzwanzig Jahre über einer Stadt. Und keine einzige Straße davon im Kopf.

Irgendwann habe ich mir gedacht: Da fahre ich einmal selbst hin. Mit meinem eigenen Auto. Über die Straße, nicht über die Luft. Nicht als jemand, der eine Ruhezeit abarbeitet, sondern als jemand, der ankommt, weil er ankommen will.

An diesem Morgen habe ich Peniche hinter mir gelassen und bin losgefahren.

In Portugal schneller vorankommen

Der Plan war simpel. Ich war mit zwei Freunden verabredet, die ich unbedingt treffen wollte, und musste deshalb ein bisschen zügiger nach Süden.

In Portugal zügig nach Süden zu kommen ist allerdings ein Widerspruch in sich.

Ich bin durch Lourinhã gefahren, immer die Küste entlang, und alle paar Kilometer hält dich etwas fest. Ein Blick, eine Bucht, eine Straße, die zum Wasser abbiegt und aussieht, als würde sie irgendwo enden, wo man bleiben will. Man kommt hier nicht voran, weil man ständig anhält. Und man hält ständig an, weil es sich falsch anfühlt, vorbeizufahren.

Das ist das Schöne an diesem Land und gleichzeitig das, was einen wahnsinnig macht. Du sitzt am Steuer, du hast ein Ziel, du hast eine Uhrzeit im Kopf. Und dann kommt links das Meer um die Ecke und sagt: nicht so schnell.

Sandige Seitenstraße, die zu einer türkisen Bucht hinunterführt

In Portugal schneller voranzukommen ist ein Widerspruch in sich.

Santa Cruz habe ich mir angesehen. Ich habe einen komischen Hang zu diesem Namen, das gebe ich offen zu. Es hat natürlich nicht das Geringste mit dem kalifornischen Santa Cruz zu tun, kein Pier, keine Achterbahn, keine Sonnenuntergangs-Postkarte mit Woody-Kombi. Es ist ein portugiesisches Städtchen am Atlantik, das seine Ruhe haben will.

Ich wollte es trotzdem sehen. Manchmal reicht ein Name als Grund, um irgendwo abzubiegen. Praia do Sul war auch dabei, ein Blick über die Strände, Salz in der Luft, dann weiter.

Zerklüftete Felsnadeln im flachen Wasser am Strand von Santa Cruz

Der Wächter

Und dann Ericeira.

Ich bin oberhalb von Ribeira d'Ilhas ausgestiegen, an dem Aussichtspunkt, wo man auf die Bucht runterschaut. Vor mir lag der offene Atlantik, so weit, dass man aufhört zu denken. Die Klippen fallen dort steil ab und bilden über der Bucht eine natürliche Tribüne, als hätte jemand das absichtlich so gebaut.

Und hinter mir stand eine Figur. Groß, fast futuristisch, ein Surfer mit dem Brett in der Hand, der aufs Meer hinausschaut.

Ich habe sie zuerst für ein gutes Fotomotiv gehalten. So ehrlich muss ich sein. Schöne Statue, schöner Hintergrund, macht sich gut, weiter geht's.

Dann habe ich gelesen, wie sie heißt. Guardião da Reserva Mundial de Surf da Ericeira. Der Wächter des Weltsurfreservats von Ericeira.

Sie steht dort nicht als Denkmal für einen einzelnen Sportler. Sie erinnert an die Generationen, die mit diesen Wellen aufgewachsen sind, und sie ist gleichzeitig eine Bitte. Passt auf diese Küste auf. Auf die Natur, auf das Wasser, auf das, was zwischen den Menschen hier und diesem Ozean besteht.

Surfer-Skulptur auf der Klippe über Ribeira d'Ilhas, Blick aufs Meer

Ich bin dann noch eine ganze Weile dort gestanden und habe die Figur anders angeschaut als vorher.

Ericeira ist nämlich nicht einfach ein Surfort. Auf wenigen Kilometern Küste treffen die Wellen des offenen Atlantiks auf Felsriffe, Buchten und Landspitzen, und daraus entstehen sieben Breaks mit völlig unterschiedlichem Charakter. Coxos, Ribeira d'Ilhas, Pedra Branca, São Lourenço. Namen, die in der Surfszene längst Legende sind. Manche dieser Wellen sind schnell und brutal und verzeihen keinen Fehler. Andere lassen auch jemanden, der zum ersten Mal auf einem Brett steht, seine ersten Meter erleben.

2011 wurde Ericeira als erste World Surfing Reserve Europas ausgezeichnet, weltweit als zweite nach Malibu. Und dabei ging es nicht nur um perfekte Wellen. Es ging um eine empfindliche Küste, um die Geschichte des Surfens und um eine Gemeinschaft, die bereit war, auf diesen Ort aufzupassen.

Als ich ankam, war unten am Strand die Hölle los. Eine riesige Surfveranstaltung, Zelte, Fahnen, Musik, Menschen bis runter ans Wasser. Neoprenanzüge, die in der Sonne glänzen. Bretter, die aufrecht im Sand stehen. Oben auf den Klippen die Zuschauer, unten die Athleten, die auf ihre Welle warten. Für ein paar Minuten bewegt sich dort der ganze Ort nur noch im Takt des Atlantiks.

Surfbucht von den Klippen aus, Zelte am Strand und brechende Wellen

Ich kam gerade aus Peniche. Aus diesem ruhigen, entspannten, südlich-portugiesischen Nichts, wo dir die Zeit nicht davonläuft, weil sie gar nicht erst losgeht. Und dann das hier, mit Vollgas.

Das war ein Sprung. Und es hat gutgetan.

Was mich an Ericeira wirklich gepackt hat, ist aber etwas anderes. Der Ort ist nicht durch das Surfen entstanden. Lange bevor das erste Brett ins Wasser getragen wurde, war das ein Fischerdorf. Am Praia dos Pescadores liegen bis heute die Boote, und ein paar Straßen weiter reihen sich Surfshops, Cafés und Restaurants aneinander. In den weiß-blauen Gassen riecht es nach Kaffee, Salz und gegrilltem Fisch. Leute laufen barfuß mit ihren Boards durch den Ort, Neopren trocknet in der Sonne, und egal wohin du schaust, irgendwann führt der Blick wieder zurück aufs Meer.

Das fühlt sich nicht an wie eine Surfdestination, die jemand am Reißbrett erfunden hat. Das Surfen ist hier nur das jüngste Kapitel einer viel älteren Geschichte. Einer Geschichte von Fischern, von Stürmen, von Mut und von Respekt vor etwas, das größer ist als man selbst.

Und deshalb steht diese Statue da oben genau richtig. Sie steht für alle, die rausgehen, die Wellen lesen und wieder zurückkommen.

Vielleicht braucht der Ozean keine Helden. Aber er braucht Wächter.

Das Mädchen vor dem Surfshop

Unten im Ort, vor einem Surfshop, saß sie.

Sie hat an ihrem Auto rumgewerkelt. Irgendwas war zu richten, wie immer, wenn man so unterwegs ist. Sie hat es einfach gemacht, dort, wo sie stand, halb im Weg, ohne Aufhebens, ohne Werkstatt, ohne Termin.

Jung. Hübsch. Tiefenentspannt. Sie wohnte im Kofferraum ihres Einser-Golf.

Nicht im ausgebauten Van mit Solar auf dem Dach und Küchenzeile an der Seite. Nicht in etwas, das man auf Instagram herzeigt und mit „Home is where you park it" beschriftet. Im Kofferraum eines Golf I.

Sie sah arm aus. Und sie war glücklich.

Alter VW Golf mit offener Heckklappe und Matratze im Kofferraum

Wir haben kein einziges Wort miteinander gesprochen.

Nicht eines. Kein „hi", kein „woher kommst du", nichts. Wir haben uns angeschaut. Und wir wussten beide sofort, wie der andere denkt.

Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, ohne dass es esoterisch klingt. Es war einfach da. Wir wussten voneinander, wie der andere geschlafen hat. Wir wussten, dass man sich morgens irgendwo die Zähne putzt, wo eigentlich niemand sich die Zähne putzt. Wir wussten, wie es ist, wenn das eigene Zuhause vier Räder hat und man abends überlegt, ob man hier stehen bleiben darf oder ob nachts geklopft wird. Wir wussten, dass an so einem Auto immer irgendwas ist.

Und ehrlich gesagt: Ich war an dem Tag vermutlich auch nicht der Gepflegteste von uns beiden.

Vanlife verbindet. Das klingt nach einem Spruch, den man auf Aufkleber druckt und an die Heckscheibe pappt. In dem Moment war es einfach wahr.

Sie sah arm aus. Und sie war glücklich.

Ein Blick. Ein Lächeln. Mehr hat es nicht gebraucht.

Ich bin da weggegangen mit diesem Gefühl, das man nicht bestellen kann. Diese Herzlichkeit zwischen zwei Menschen, die sich nie wiedersehen werden und die sich für eine Minute trotzdem gekannt haben. Kein Austausch von Nummern, kein Instagram, kein „melde dich mal". Nur zwei Leute, die kurz wussten, dass der andere das Gleiche macht.

Ich denke heute noch an sie. Ich hoffe, ihr Golf läuft noch.

Der Ort, dessen Namen ich vergessen habe

Ein Stück weiter bin ich dann in einer kleinen Surfer-Kommune gelandet. Direkt am Strand, eine Ortschaft, die sich am Wasser entlangzieht.

Und jetzt kommt der ehrliche Teil, an dem ich mich selbst ärgere: Mir fällt der Name nicht mehr ein. Ich habe im Kopf die ganze Strecke abgefahren, ich habe nach Fotos gesucht, ich habe es aufgegeben. Der Name ist weg.

Der Ort ist es nicht.

Da waren viele junge Leute, ein bisschen Hippie-Style, ein bisschen barfuß, ein bisschen selbstgemacht. Bunte Tücher, ausgeblichene Bretter, Autos, die schon einiges gesehen haben und nicht mehr so genau wissen, welche Farbe sie ursprünglich hatten. Irgendwo lief Musik, nicht laut, eher so, wie Musik läuft, wenn niemand sie zum Ereignis machen will.

Und alle waren entspannt. Nicht diese gespielte Entspanntheit aus Ferienorten, wo alle so tun, als hätten sie Zeit, und dabei auf die Uhr schauen. Sondern echt.

Man wird da automatisch langsamer. Man steigt aus dem Bus und merkt nach zwei Minuten, dass die Schultern runtergehen, ohne dass man etwas dafür getan hat.

Selbstgebaute Surfer-Siedlung am Strand mit Bussen und Tüchern

Es gibt Orte, die wollen etwas von dir. Und es gibt Orte, die einfach da sind und dich in Ruhe lassen. Der hier war die zweite Sorte.

Vielleicht ist es ohnehin das Ehrlichere, dass der Name weg ist. Namen kann man googeln. Das andere nicht.

Deutsche sind Ehrenleute

Und genau dort ist mir dann etwas passiert, das ich bis heute mit mir herumtrage.

An dieser Strandpromenade war ein Café neben dem anderen. Diese typischen Strandbars, eine nach der anderen, die Leute sitzen davor mit ihren Sandwiches, die Füße im Sand, und die Luft hat einen anderen Druck als sonstwo.

Menschen, die das Meer lieben, strahlen irgendwann etwas Bestimmtes aus. Das ist keine Behauptung, das sieht man.

Ich wollte einfach nur einen Kaffee trinken. Nicht meinen Kaffee, den ich mir sonst im Bus mache, während irgendwas in der Schublade scheppert, sondern einen richtigen, von jemand anderem gemacht, an einem Tisch, an dem ich nichts abwaschen muss. Das ist Luxus, wenn man so unterwegs ist wie ich. Ein Tisch, den man einfach verlassen darf.

Also musste ich parken. Und parken ist mit einem Van, in dem dein ganzes Leben steht, etwas völlig anderes, als ein Auto in ein Parkhaus zu stellen und zu wissen, dass man gleich nach Hause fährt. Ich fahre nirgendwo nach Hause. Ich stelle mein Zuhause ab und gehe zu Fuß davon weg.

Da war ein bewachter Parkplatz mit einem Parkwärter. Und ich hatte kein Bargeld mehr. Also habe ich es ihm gesagt, so wie es war: Hey, es tut mir total leid, aber ich habe jetzt gerade wirklich kein Geld dabei.

Er hat gesagt: Kein Problem. Er kann mir vertrauen. Ich bin ja Deutscher.

Ich habe ihn gefragt, warum er so etwas sagt.

Deutsche sind Ehrenleute. Deutsche betrügen und belügen nicht.

Ich bin da einen Moment gestanden und habe nichts gesagt.

Ein Portugiese, den ich noch nie im Leben gesehen habe, sagt mir, was er über uns denkt, und es ist ein Kompliment. Kein „ihr seid laut". Kein „ihr legt eure Handtücher auf alles, was flach ist". Sondern das.

Es hat mich mehr gefreut, als ich erwartet hätte. Und es hat mich auch ein bisschen beschämt, ehrlich gesagt. Weil man selbst gar nicht mehr sicher weiß, ob man dem noch gerecht wird. Wir sind so gut darin geworden, an allem herumzumeckern, was bei uns nicht funktioniert, dass man völlig vergisst, dass da draußen jemand steht, der einem wildfremden Menschen seinen Parkplatz gibt, weil er an etwas glaubt.

Ich habe dann Bargeld geholt, selbstverständlich, und ihm für seine Freundlichkeit noch Trinkgeld dagelassen. Ich fand es mega.

Danach ein Sandwich mit Avocado und Lachs, dazu einen Kaffee, am Strand. Genau meins. Das habe ich mir gegönnt, ohne schlechtes Gewissen, und das kommt bei mir wirklich nicht jeden Tag vor.

Kaffee und Avocado-Lachs-Sandwich auf dem Tisch einer Strandbar

Weiter, immer weiter

Lange geblieben bin ich nicht. Eine Stunde, vielleicht zwei.

Mein Ziel war Lissabon, und es war nicht so einfach, dahin zu kommen. Ich sage es hier immer wieder und es stimmt jedes Mal aufs Neue: In Portugal gibt es nicht einen schönen Ort. Es gibt nur schöne Orte. Man fährt keine Strecke ab. Man arbeitet sich durch eine Kette von Gründen zu bleiben.

Auf der anderen Seite warteten meine zwei Freunde. Also weiter.

Cascais, ohne es zu wissen

Eigentlich wollte ich durchfahren.

Dann kam Cascais.

Ich bin ausgestiegen und hatte nach den ersten Schritten das Gefühl, dass dieser Ort mich nicht einfach weiterfahren lässt. Helle Häuser, schmale Gassen, kleine Plätze, auf denen sich das portugiesische Pflaster wie Wellen über den Boden zieht. Und hinter allem wartet das Meer.

Ich bin ohne Ziel durch die Stadt gelaufen. Vielleicht war genau das der richtige Plan.

Cascais war früher ein Fischerdorf und ein wichtiger Hafen für die Schiffe auf dem Weg nach Lissabon. Später kamen die Könige. 1870 hat König Luís I. die alte Zitadelle zu seiner Sommerresidenz gemacht, und mit dem Hofstaat zogen Villen, Paläste und ein Hauch von großer weiter Welt in den kleinen Küstenort ein.

Und trotzdem ist etwas vom alten Cascais übrig.

In der Bucht liegen immer noch die Fischerboote. Möwen kreisen über dem Wasser. Zwischen eleganten Fassaden und Restaurants riecht es nach Salz, gegrilltem Fisch und Atlantik. Die Geschichte steht hier nicht hinter Museumstüren. Sie sitzt auf den Mauern, versteckt sich in den schmalen Straßen und schaut hinaus aufs Meer.

An der Zitadelle konnte ich spüren, warum dieser Ort für den Schutz der Küste und der Hauptstadt einmal so wichtig war. Ein paar Straßen weiter zeigt Cascais dann wieder seine leichte Seite: kleine Strände mitten im Ort, Palmen, Cafés und Menschen, die den Tag nicht schneller machen, als er sein muss.

Gepflasterte Gasse in Cascais mit Blick auf Fischerboote in der Bucht

Ein Stück außerhalb schlägt der Atlantik an der Boca do Inferno gegen die Felsen. Der Höllenschlund. Dort wird aus dem freundlichen Meer, das eben noch vor den Cafés lag, wieder etwas Wildes. Etwas, das daran erinnert, wer hier das letzte Wort hat.

Erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass Cascais einer der Luxusorte Portugals ist. In dem Moment habe ich davon überhaupt nichts gemerkt. Für mich war es einfach nur schön. Manchmal ist es ein Geschenk, nicht zu wissen, wo man gerade steht.

Cascais war kein geplanter Höhepunkt. Es war ein Halt kurz vor Lissabon. Und es sind oft genau diese ungeplanten Stopps, die bleiben.

Der Ort will nichts beweisen.

Er steht einfach da, mit den Füßen im Wasser, der Geschichte im Rücken und dem Blick weit hinaus aufs Meer.

Ein ganz normaler Parkplatz

Nach Cascais habe ich es dann nicht mehr weit geschafft. Das muss ich zugeben.

Es war Abend geworden, ich war seit dem Morgen unterwegs, und irgendwo zwischen Cascais und Lissabon bin ich auf einen Parkplatz gefahren.

Und jetzt will ich ehrlich sein, weil das hier sonst nichts wert ist: Das war kein schöner Stellplatz. Kein Geheimtipp, keine Bucht, keine Klippe, nichts, was man fotografiert und drunterschreibt, wo man heute Nacht schläft. Ein großer, ganz normaler Stadtparkplatz. Asphalt, weiße Linien, Autos, die dort stehen, weil ihre Besitzer irgendwo in der Nähe wohnen und ganz normale Leben haben.

Und trotzdem war es einer der schönsten Abende der ganzen Strecke.

Denn ich hatte freie Sicht. Direkt auf Lissabon.

Die Ponte 25 de Abril lag vor mir. Die Brücke des 25. April, dieses rote Ding, das man aus tausend Bildern kennt und das aussieht wie die Golden Gate, nur eben nicht in Kalifornien, sondern über dem Tejo. Und daneben, drüben auf der anderen Seite, der Cristo Rei. Die Christusstatue mit den ausgebreiteten Armen, die die meisten Menschen nur aus Rio kennen und die hier seit Jahrzehnten über der Stadt steht.

Und dann ist die Sonne runtergegangen.

Blick aus dem Van auf die Ponte 25 de Abril im Sonnenuntergang

Ich habe die Schiebetür aufgemacht, mich reingesetzt, die Füße raus, und einfach zugeschaut. Wie das Licht über der Brücke weich wird. Wie das Rot der Stahlkonstruktion noch einmal aufglüht, bevor es dunkel wird. Wie unten am Wasser nach und nach die Lichter angehen und die Stadt sich langsam einschaltet, Fenster für Fenster, als würde jemand sie von Hand hochdimmen.

Kein Meeresrauschen. Kein Palmenwedeln. Ein Parkplatz. Neben mir irgendein Kombi mit Kindersitz hinten drin.

Und ich hatte den besten Platz weit und breit.

Ich kannte Lissabon nur vom Flughafen.

Fünfundzwanzig Jahre bin ich über diese Stadt hinweggeflogen. Ich habe diese Brücke hundertmal von oben gesehen, als kleines rotes Strichlein im Anflug, während ich im Kopf schon durchgerechnet habe, wie viele Stunden Ruhezeit mir bleiben und wann der Wecker klingelt.

Jetzt lag sie auf Augenhöhe vor mir. Und ich hatte nichts zu tun, außer hinzuschauen.

Diesmal war ich selbst gefahren. Von Peniche bis hierher, an einem Tag, mit allem, was dazwischen lag.

Schluss

Ich habe an diesem Abend nicht mehr viel gemacht. Ich habe dort geschlafen, auf diesem Parkplatz, mit der Brücke im Fenster.

Am nächsten Tag wollte ich Lissabon erkunden. Das habe ich dann auch gemacht, aber das ist die nächste Geschichte.

Und das ist es, was ich am Vanlife so liebe und was ich vorher nie verstanden habe: Es kommt nicht auf den Platz an. Ich habe an wunderschönen Orten gestanden und mich elend gefühlt. Und ich habe auf einem Stadtparkplatz zwischen fremden Autos gesessen und einen Sonnenuntergang erlebt, den ich nicht mehr vergesse.

Was von diesem Tag bleibt, ist nicht die Strecke.

Es ist ein steinerner Wächter über einer Bucht, der die Leute daran erinnert, auf ihr Meer aufzupassen. Es ist ein Mädchen, das im Kofferraum eines Golf I wohnt, an ihrem Auto schraubt und glücklicher aussieht als die meisten Menschen mit Haus. Es ist ein Parkwärter, der einem Fremden vertraut, weil er an etwas glaubt, das wir selbst schon fast vergessen haben. Es ist ein Ort, dessen Namen ich verloren habe und dessen Ruhe ich noch im Körper spüre. Und es ist ein Kaffee, den ich mir zur Abwechslung nicht selbst gemacht habe.

Es ist nie der Platz. Es ist immer das, was einem dort passiert.

Danke fürs Mitlesen. Danke, dass ihr mich begleitet.

Euer Dominik. Willkommen an Board.

Zwischen Himmel und Erde · Podcast

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