Hinweis: In diesem Kapitel geht es offen um Depression und Angst, auch um einen sehr dunklen Punkt. Lies nur weiter, wenn es sich gerade richtig anfühlt. Unten findest du Hilfe.
Ich knüpfe da an, wo ich das letzte Mal aufgehört habe. Bei den Abgründen. Bei diesem schwarzen Hund, der neben mir wohnt, seit ich denken kann. Mal schläft er, mal knurrt er. Aber weg ist er nie.
Und ich will euch in diesem Kapitel von etwas erzählen, das ich in dunklen Zeiten jedes Mal aufs Neue vergesse. Nicht, weil ich es nicht wüsste. Sondern weil Dunkelheit ein gutes Gedächtnis einfach löscht: Es geht weiter. Immer.
Vor knapp drei Wochen war ich an einem Punkt, an dem ich wirklich nicht mehr dachte, dass es ein Weiter gibt. Ich lasse diesen Satz genau so stehen. Keine Verpackung, kein Weichzeichner. So war es. Und genau deshalb muss der nächste Satz genauso nackt daneben stehen: Auch an diesem Tag ging die Sonne unter. Und am nächsten Morgen ging sie wieder auf. Hinter Wolken, ja. Aber sie ging auf. Die Zeit hat nicht gefragt, wie es mir geht. Sie ist einfach weitergelaufen.
Ob ich dabei bin oder nicht, steht auf einem anderen Papier.
Ich weiß, wie hart dieser Satz klingt. Aber ihr kennt mich mittlerweile: Ich schreibe hier nicht, damit es hübsch aussieht. Ich schreibe, damit es wahr ist. Und wahr ist eben auch das andere: Da war das Gespräch mit meiner Psychologin. Da war meine Familie, die mich hält, wenn ich mich selbst nicht halten kann. Und da war dieses leise, störrische Es-muss-weitergehen in mir. Es musste. Und es ging.
Deshalb erzähle ich heute mal die helle Seite. Nicht, weil plötzlich alles gut wäre. Sondern weil sie gerade wirklich da ist, und weil ich sie mir selbst schwarz auf weiß festhalten will. Für den nächsten dunklen Tag. Dann lese ich dieses Kapitel und habe es von mir selbst schriftlich.
Eine Tür, die ich fast nicht aufgemacht hätte
Ich komme gerade aus zwei Tagen Eins-zu-eins-Coaching mit einer Kundin, bei der ich mich von Herzen bedanken möchte. Für ihr empathisches, ehrliches Feedback zu meiner Arbeit, zu meiner Tätigkeit, zu mir als Mensch. Ihr müsst wissen: Sowas kann ich schlecht annehmen. Lob rutscht bei mir normalerweise ab wie Regen am Buslack. Diesmal nicht. Diesmal ist etwas hängengeblieben.
Der Auftrag: als Pilot einem Schüler das Drohnenfliegen beibringen. Die Faszination weitergeben, dieses Leuchten wecken, das ich selbst kenne, seit ich das erste Mal einen Steuerknüppel in der Hand hatte. Das ist mitunter mein Job. Eigentlich ein schönes Beiwerk, eigentlich mein Hobby. Und gerade wird da still und leise mehr draus.
Aber der Reihe nach. Zuhause ist mir zuletzt die Decke auf den Kopf gefallen. Ihr kennt das Gefühl vielleicht: Es passt alles nicht mehr, und man kann nicht mal sagen, was genau. Und dann stand dieser Termin im Kalender. Und jetzt kommt das Perfide an dieser Krankheit. Genau dann, wenn etwas Gutes wartet, hält sie dich fest. Sie flüstert: „Was neu ist, ist Gift.“ Kein Interesse, keine Vorfreude, gar kein Gefühl. Und das für eine Tätigkeit, die ich liebe. Das ist das Verrückte, das Gesunde nie verstehen werden: Die Krankheit nimmt dir nicht nur die schlechten Tage. Sie greift nach den guten.
Dabei fliege ich unwahrscheinlich gerne Drohne. Seit vielen, vielen Jahren, gut über 4.500 Stunden, überall auf der Welt. Das sind umgerechnet mehr als ein halbes Jahr meines Lebens in der Luft. Kein Wunder, dass ich am Boden manchmal fremdle. Die schönsten Momente meines Lebens habe ich von da oben eingefangen. Damals in der Toskana hat man mir ans Herz gelegt: Biete das doch einfach an. Genau das mache ich jetzt. Und so kam die Einladung: zwei Tage Raum Stuttgart, Esslingen.
Der schwarze Hund hat sich sofort quer in den Türrahmen gelegt: „Nein. Das ist nicht gut. Geh nicht weg. Das hat keinen Sinn. Alles, was du nicht kennst, ist schlecht.“

Die Krankheit sagt dir: Was neu ist, ist Gift.
Und trotzdem. Das meine ich an alle da draußen, die diesen Bericht lesen oder den Podcast hören und selbst mit Depression, Panikstörung oder Zwängen leben: Stellt euch euren Ängsten. Immer wieder. Brecht immer wieder eine Tür auf, eine emotionale, auch wenn der Hund davor liegt und knurrt: „Mach das nicht.“ Doch. Macht es. Und je öfter ihr es macht, desto eher kommt ihr da raus. Ich sage das nicht von einem Berg herab. Ich sage das aus dem Tal. Ich weiß, wie es euch geht, und ich weiß, wie schwer es ist. Ich verliere ja selbst oft genug.
Diesmal sah mein Gewinnen so aus: Am Sonntag war ich erst mal miesmutig. Ich habe mit der Drohne noch ein paar Fotos gemacht. Das ging komischerweise, das geht immer, die Drohne und ich, das ist wie Atmen. Aber losfahren? Noch nicht. Also bin ich erst noch mit meinen Kindern ins Freibad. Da ist er einmal komplett: der Mann, der von Umbrüchen und Weltreisen schreibt und sich vor dem Losfahren noch einmal ans Beckenrand-Leben klammert. Pommes, Kinderlachen, Chlorgeruch. Aufschub nennt man das. Der schönste Aufschub, den ich kenne.
Und irgendwann kam der Punkt. Ich muss jetzt los.
Und das habe ich dann auch gemacht.
Herbie, die Autobahn und das Gefühl
Die ersten Kilometer: unangenehm, eng, dieses Ziehen in der Brust, das jeder kennt, der mit Angst reist. Und dann, ich kann euch nicht sagen, bei welchem Kilometer genau, kam es wieder hoch. Dieses Gefühl, das ich in diesem Moment, während ich diese Zeilen in Herbie einspreche, schon wieder live erlebe: Freiheit. Vanlife. Zuhause auf vier Rädern.
Wenn ich zu Kunden fahre, fahre ich immer mit meinem Bus. Und ich übernachte auch in ihm. Ich werde niemals in einem Hotel schlafen oder bei einem Kunden. Da fühle ich mich nicht wohl, das bin nicht ich. Mein Kunde bucht mich inklusive allem. Herbie gehört zum Paket wie meine Drohnen. Wie mein Hund übrigens auch, nur dass der schwarze keinen Platz gebucht hat und trotzdem immer mitfährt.
Die Reise nach Stuttgart wurde mit jedem Kilometer leichter. Ziel für die Nacht: Bad Urach. Eigentlich wäre ein Campingplatz vernünftig gewesen. Aber:
Campingplatz ist einfach nicht Dominik.
Über Park4Night habe ich die Ortschaft Hüblein gefunden, und dort einen fabelhaften Stellplatz. Kostenlos. Und eine selige Ruhe. So still, dass ich fast Angst bekommen habe. Ich, der mit jedem Geräusch dieser Welt im Krieg liegt, erschrecke, weil nichts zu hören ist. Über diese Ironie musste ich selbst lachen.

Türen zu, wie immer. Dann bin ich in meiner Welt, dann ist das meine Komfortzone, dann ist alles gut. Nachts fing es leicht an zu regnen, und die Wassertropfen auf dem Aufstelldach machten das, was sie immer machen: diesen kleinen Romantikmoment zwischen Vanlife, Abenteuer und Freiheit. Ich lag da, hörte zu und spürte, wie sich etwas in mir sortierte. Bis der Regen um sechs Uhr morgens so stark wurde, dass ich dachte, da steht einer mit dem Dampfstrahler neben dem Bus und will durch den Lack. So ist das Busleben: Romantik und Realsatire liegen eine Regenfront auseinander. Eine spannende, schöne Nacht. Und geschlafen habe ich trotzdem. Tief wie lange nicht.

Zwei Tage, in denen der Hund verschwand
Am Morgen bin ich zur Kundin. Erst mal ein Kaffee. Und ich habe mich über diese Geste mehr gefreut, als sie ahnen kann. Dann das Training, den halben Tag. Beim Mittagessen sprachen wir über weitere Projekte, über KI-Themen, über alles, was gerade wächst. Und dann passierte das, womit ich nie rechne: Da spiegelt dir ein Mensch immer wieder zurück, wie wohl er sich fühlt. Wie schön er findet, was du tust. Und wie du es tust. Wisst ihr, was das macht mit jemandem, dessen innere Stimme ihm täglich das Gegenteil erzählt? Es ist, als würde jemand in einem stockdunklen Raum ein Streichholz anzünden. Positive Euphorie, nennt man das wohl. Ich kannte das Wort. Ich hatte nur das Gefühl lange nicht mehr.
Es hat Spaß gemacht. Einfach Spaß. Die Drohnenfliegerei ist meine Leidenschaft, und sie weiterzugeben ist Freude in Reinform: Man steht zu zweit auf einer Wiese, schaut in den Himmel und grinst wie zwei Kinder.

Ich wurde zum Mittagessen eingeladen, zum Abendessen kam der Partner meiner Kundin dazu. Gemütlich, entspannt, ehrlich. Eine Wohlfühlatmosphäre, wie ich sie selten zulasse. Und dann passiert dieses Komische, das ich selbst kaum erklären kann:
Der schwarze Hund tritt einfach in den Hintergrund. Als wäre er nie da gewesen.
Für die zweite Nacht bin ich wieder an denselben Platz gefahren. Natürlich. Wenn ich einen Ort gefunden habe, an dem meine Seele leise wird, dann bleibe ich ihm treu. Und wieder diese Stille. Ich musste nachts tatsächlich einmal die Tür aufmachen, um zu schauen, ob die Welt noch da ist. Sie war noch da. Sie war nur leise. „Hilfe, lebe ich noch?“, dieser Gedanke, halb im Schlaf, halb im Ernst. Selbst daheim, im Bus vor der eigenen Haustür, ist es lauter.
Auch der zweite Tag lief positiv. Und dann kam noch etwas dazu, das mich mehr berührt hat, als es nach außen aussieht: Ein befreundeter Immobilienmakler bat mich, in seinem Namen einen Auftrag auszuführen. In seinem Namen. Da legt jemand sein Vertrauen und seinen guten Ruf in meine Hände. Ausgerechnet in meine, wo ich mir selbst so oft nicht traue. Der Hund? Nahezu komplett verdrängt. Nicht mehr gespürt. Das waren meine 48 Stunden: Ich musste mich überwinden, es war nicht einfach. Aber ich habe es wieder einmal geschafft.
Angeleint, Ecke, sitz
Gegen den inneren Schweinehund ankämpfen. Den schwarzen Hund festbinden, in die Ecke stellen, nach vorne schauen. Ich bin stolz darauf. Und ich sage das als jemand, dem Stolz auf sich selbst fremder ist als jedes fremde Land: Ich bin stolz auf mich. Jetzt sitze ich auf dem Heimweg in Herbie, und morgen habe ich den Termin bei meiner Psychologin. Und wisst ihr, worauf ich mich freue? Es ihr zu erzählen. Wie ein Kind, das mit einer guten Note nach Hause kommt: Schau. Ich habe gegen mich gekämpft. Und gegen das Dunkle gewonnen. Wieder einmal.
Ich habe mich in den letzten Tagen wohlgefühlt. Klar hilft mir Herbie, meine rollende Komfortzone. Und klar sind die Ängste nicht verschwunden: wie geht es weiter, wo geht es hin. Die alten Fragen fahren immer mit. Aber auf der Autobahn kam mir ein Gedanke, den ich festhalten will, bevor er mir wieder entwischt: Wenn man dem Leben ein bisschen positiver gegenübersteht, öffnet man sich anders. Und dann kommt einem das Glück eher entgegen, als wenn man ihm die ganze Zeit ängstlich aus dem Weg geht. Vielleicht ist Glück gar nicht so schwer zu finden. Vielleicht muss man nur die Tür einen Spalt offen lassen.

So ist mein Alltag. So ist meine Situation, mit einer Krankheit, die viele nicht verstehen können, weil sie nie in dieser Lage waren. Und das ist okay, dafür kann keiner etwas. Aber aktuell? Aktuell fühle ich mich gut. Es liegen neue Projekte in der Pipeline, auch im KI-Bereich, Kooperationen, Synergien. Ich freue mich auf das, was kommt. Dieser Satz, aus meinem Mund. Lest ihn ruhig zweimal.
Was vor zwei Wochen noch so dunkel war, steht jetzt in einem positiven Licht. Und wenn ihr eines aus diesem Kapitel mitnehmt, dann bitte das:
Gebt nie auf. Es geht weiter. Es muss weitergehen. Und es wird weitergehen. Ich verspreche es euch.
Ich würde mich freuen, wenn ihr mich auf meiner Reise weiter begleitet und an meinen Geschichten teilhabt. Die Sonne geht auf. Jeden Morgen. Auch hinter Wolken.
Danke fürs Mitlesen. Danke fürs Zuhören. Danke, dass ihr mich begleitet.
Euer Dominik