Vorgestern war Sommer. Nicht dieser zaghafte, halbherzige Sommer, den wir hier oft bekommen, bei dem man abends die Jacke doch wieder holt. Sondern richtiger Sommer, der ganze Tag ein einziges Versprechen. Ich war mit den Kindern im Freibad, wir waren schwimmen, wir haben den siebzehnten August genommen wie ein Geschenk, bei dem man nicht fragt, wer es geschickt hat, weil man zu beschäftigt damit ist, es auszupacken.
Achtundvierzig Stunden später sitze ich in einer langen Hose am Tisch und schaue in eine Wand aus Grau.

Er klopft nicht an
Der Herbst hat dieses Jahr nicht angeklopft. Er ist nicht kurz vorbeigekommen, hat nicht höflich gefragt, ob es gerade passt, hat sich nicht mit ein paar kühlen Nächten angekündigt, wie es sich gehört. Er kam wie ein Donnerknall.
Alles, was vorher da war, ist weg. Das Licht, das Leuchten, diese Helligkeit, über die sich manche noch beschwert haben, weil sie ihnen zu viel war. Die Wärme, die den Tag getragen hat. Von einer Sekunde auf die andere. Nicht verblasst, nicht langsam weniger geworden, nicht ausgeschlichen wie ein Medikament, das man absetzt. Einfach weg.
Ich bin heute früh aufgewacht und dachte tatsächlich für einen Moment, ich hätte drei oder vier Monate verschlafen. Ich hätte den Spätsommer verpasst, den ganzen Herbst gleich mit, und wäre irgendwo im November wieder aufgetaucht wie einer, der aus der Narkose kommt und niemanden fragen kann, wie lange es gedauert hat. Es hat einen Augenblick gebraucht, bis ich begriffen habe, dass niemand meine Uhr angefasst hat.
Ich dachte, ich hätte vier Monate geschlafen. Es waren zwei Tage.

Mittelfinger, Deutschland
Jetzt kommt der Teil, für den ich vermutlich Post bekomme.
Ich weiß, dass man für das Wetter niemanden verantwortlich machen kann. Ich weiß auch, dass Regen sein muss, dass die Felder Wasser brauchen, dass jeder Landwirt in diesem Land bis vor Kurzem den Himmel angefleht hat. Ihr habt alle recht, und ich bin vollkommen bei euch. Trotzdem ist mir heute früh im Auto, um halb zehn, bei diesem Licht, das keines war, genau ein Satz eingefallen:
Mittelfinger, Deutschland.
Und dann habe ich gelacht. Nicht bitter, eher erleichtert, so wie man lacht, wenn man endlich ausspricht, was man den ganzen Morgen schon gedacht hat. Manchmal muss so ein Satz raus, damit er einen nicht von innen auffrisst. Es tat gut, ihn zu denken. Es tat noch besser, ihn nicht ganz ernst zu meinen.
Es gab ja mal Jahreszeiten in diesem Land. Sommer, Herbst, Winter, Frühling, ordentlich hintereinander aufgereiht, mit Übergängen dazwischen, damit ein Mensch sich gewöhnen kann. Heute haben wir Grau mit Regen, Regen mit Grau, und wenn wir Glück haben, zur Abwechslung Grau mit Grau. Der Winter ist entweder gar nicht mehr da oder er kommt gleich als Weltuntergang, mit Schneemengen, über die man früher nicht einmal geredet hätte, weil sie normal waren. Und der Bauer, der letzte Woche noch um Wasser gebetet hat, schaut jetzt zu, wie ihm absäuft, was noch draußen steht.

Es gibt kein Oben und kein Unten
Man kann keine hundert Meter weit schauen. Der Himmel ist da, wo eben noch Landschaft war, und die Landschaft ist da, wo der Himmel sein sollte. Es gibt kein Oben, es gibt kein Unten, es gibt nur diese eine Farbe, die eigentlich keine ist. Man weiß nicht mehr, wo die Sterne hingekommen sind. Man weiß nur, dass sie heute Nacht nicht auftauchen werden.
Und jetzt kommt der Teil, über den ich nicht schweigen will, auch wenn er unbequem ist.
Ihr kennt meinen Alltag. Ihr wisst, wie so etwas auf die Psyche schlägt. Für Menschen, die mit Depressionen leben, ist so ein Wettersturz kein kleines Ärgernis, über das man beim Bäcker einen Witz macht. Er ist ein Brandbeschleuniger. Er nimmt dem Tag den Boden weg, auf dem man gerade erst wieder stehen gelernt hat.
Und dann kommt dieser eine Satz. Gut gemeint, immer derselbe: Am Wetter kann man nichts ändern, machen wir das Beste draus.
Stimmt. Ihr habt vollkommen recht. Ich sage trotzdem: Es ist trotzdem mies. Es nervt mich, es zieht mich runter, und ich möchte das einmal sagen dürfen, ohne dass mir im selben Atemzug erklärt wird, wie ich es besser sehen könnte.
Manchmal braucht man keine Lösung. Manchmal braucht man nur jemanden, der sagt: Ja, es ist gerade wirklich mies.
Zwanzig Grad, die kein Körper mitmacht
Mein Körper hat die Rechnung übrigens sofort geschickt.
Zwanzig Grad Unterschied innerhalb von zwei Tagen steckt niemand einfach so weg, und ich schon gar nicht. Seit gestern habe ich einen Husten, der nichts löst und nichts bringt, sondern nur wehtut. Trocken, hart, und irgendwo unter den Rippen sitzt er fest und erinnert mich alle paar Minuten daran, dass er noch da ist. Es fühlt sich an, als hätte sich das Wetter direkt auf meine Lunge gelegt.
Meine Batterien sind leer. Nicht dramatisch leer, eher so wie ein Handy, das seit Tagen bei sieben Prozent hängt und einfach nicht mehr richtig voll werden will, egal wie lange man es ansteckt. Ich bin arbeitsfähig, ich funktioniere, ich mache meine Termine, ich schreibe meine Texte. Aber im Hintergrund läuft dieses Wissen mit: Ich könnte gerade nicht mehr, wenn ich müsste.

Heute Vormittag saß ich bei meiner Ärztin. Es war einer dieser entspannten Termine, an denen man nicht arbeitet, sondern philosophiert. Was gibt Energie, was nimmt sie. Wo stehe ich gerade. Und natürlich das Thema, das nie ganz verschwindet, sondern nur mal lauter und mal leiser wird: die finanzielle Seite, diese Dauerbelastung im Nacken, die man nicht abstellen kann, indem man tiefer atmet.
Am Ende sind wir bei einem Ergebnis herausgekommen, das ich mir mitgenommen habe. Die innere Unruhe ist weg. Der Stresspegel ist besser als gestern. Es ist wirklich nur die Energie, die fehlt.
Manchmal ist das schon ein Ergebnis. Man muss nur lernen, es als eines anzuerkennen.
Meine Insel heißt Bora Bora
Ich habe gegen dieses Grau ein Mittel gefunden, und ich bin ehrlich genug zuzugeben, dass es kein besonders gesundes ist.
Ich setze mir die Brille auf und bin auf einer Insel. Mein virtuelles Büro liegt auf Bora Bora. Da ist Wasser, da ist Licht, da läuft leise Musik, irgendeine Beach-Lounge, die mich nicht stört und nichts von mir will. Mein Bildschirm schwebt vor einem Horizont, den es in Bayern gerade nicht gibt, und ich arbeite dort und bekomme meinen Tag hin.

Es ist großartig. Und es isoliert. Beides ist wahr, beides gleichzeitig, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich das schon zu Ende gedacht habe. Ich sitze in einer Welt, die es nicht gibt, weil die Welt, die es gibt, mir gerade nichts anbietet. An einem Tag wie heute nehme ich das Großartige und schiebe den Rest auf später.
Vielleicht ist das auch nur die moderne Variante von etwas sehr Altem. Menschen haben sich immer Bilder an die Wand gehängt, von Orten, an denen sie nicht waren. Meine hängen eben nicht an der Wand, sondern um mich herum.

Die, die noch fliegen
Am Nachmittag habe ich lange mit Freunden telefoniert. Es ging um die Fliegerei, um Dienstpläne, um das Medical, um diese Streifenhörnchen von oben herab, ihr wisst schon, wen ich meine. Um all das, was jahrelang mein Alltag war und wovon ich dachte, ich hätte es hinter mir gelassen.
Und während sie erzählten, ist mir etwas passiert, womit ich nicht gerechnet hatte. Ich saß da, hörte zu, und dachte: Wie privilegiert bin ich eigentlich, dass ich das nicht mehr muss.
Das ist kein überhebliches Gefühl. Es ist Erleichterung mit einem schlechten Beigeschmack, denn diese Erleichterung habe ich nicht gewählt, sie ist mir passiert. Man verdient gutes Geld in diesem Beruf, ja. Man bekommt die halbe Welt gezeigt, ja. Aber man bezahlt mit Dingen, die man erst bemerkt, wenn man sie nicht mehr bezahlen muss. Mit Nächten. Mit Geburtstagen. Mit einem Körper, der irgendwann anfängt, die Rechnung zu stellen.
Ich glaube nicht, dass ihnen bewusst ist, wie viel sie gerade abgeben. Mir war es damals auch nicht bewusst. Man merkt es nicht, solange man mittendrin steckt, weil alle um einen herum genau dasselbe tun und es deshalb normal aussieht.

Man merkt den Preis erst, wenn man ihn nicht mehr zahlt.
Ich will nach Hause
Am Dienstag sitze ich im Flieger.
Und jetzt kommt das Merkwürdige, das ich selbst erst begriffen habe, als ich es heute ausgesprochen habe: Es fühlt sich überhaupt nicht wie Vorfreude auf Urlaub an. Es fühlt sich an wie heimkommen.
Kokosnuss. Orangensaft. Warme Luft, die einen nicht anspringt, sondern umarmt. Diese Selbstverständlichkeit, mit der dort alles seinen Platz hat. Ich gehe da nicht hin, um etwas zu erleben, ich habe keine Liste, ich muss nichts abhaken. Ich gehe dahin, weil ein Teil von mir dort schon sitzt und wartet und sich vermutlich fragt, wo ich so lange geblieben bin.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mich dieses Grau heute nicht umgeworfen hat. Ich trage die Wärme noch in mir. Ich muss sie nur noch ein paar Tage tragen, dann muss ich es nicht mehr allein tun.
Meine Ärztin hat sich übrigens gefreut, als ich ihr davon erzählt habe. Thailand, dann zurück, dann noch einmal Thailand, dann Vietnam. Sie hat genickt und gelächelt, und es war eines dieser Nicken, die mehr wert sind als ein ganzer Ratschlag.
Und dann waren da noch meine Kinder
Der Tag hatte trotzdem sein Licht, und es kam von dort, wo es meistens herkommt.
Meine Kinder haben heute Vokabeln gelernt. Freiwillig. Mit der App, an der ich seit Wochen sitze und die mich mehr Nerven gekostet hat, als ich hier zugeben möchte. Sie haben mir sogar erzählt, wer alles mitmacht, ganz stolz, als wäre es ihre Erfindung. Und ehrlich gesagt: In dem Moment war sie das auch.
Da sitzt man den halben Nachmittag an einer Produktion, die einfach nicht laufen will, ärgert sich über Technik, über sich selbst, über das Wetter sowieso, über zu viel Geld, das man ausgegeben hat, und über zu wenig, das hereinkommt. Man denkt, der Tag sei verloren.
Und dann lernen die eigenen Kinder Vokabeln, weil es ihnen Spaß macht. Und plötzlich war er es nicht.
Bis Dienstag
Ich habe heute Deutschland den Mittelfinger gezeigt, im Auto, um halb zehn, und dabei gelacht. Ich habe einen Husten, der mir auf die Lunge drückt. Ich habe leere Batterien, einen Kalender, der zu voll ist, und eine Liste von Dingen, die ich vergessen habe zu erledigen.

Und trotzdem sitze ich jetzt hier in Herbie, die Kinder sind im Haus, einer schon im Bett, es ist ruhig, und ich merke: Es ist nicht alles gut. Aber es ist auszuhalten. Manchmal reicht das völlig, und es ist keine Niederlage, das zu sagen.
Der Sommer kommt wieder. Vielleicht nicht hier, vielleicht nicht in diesem August, vielleicht erst am Dienstag in elftausend Metern Höhe. Aber er kommt.
Wenn draußen kein Licht mehr ist, muss man sich eben eine Insel bauen. Und wenn es nur ein Bildschirm mit Meeresrauschen ist.
Und für alle, die gerade in demselben Grau sitzen und keinen Flieger am Dienstag haben: Ihr müsst das nicht schönreden. Ihr dürft sagen, dass es euch runterzieht. Ihr müsst nur wissen, dass es vorbeigeht, auch wenn es sich heute nicht so anfühlt.
Willkommen an Board, euer Dominik.