Vor ein paar Tagen habe ich euch gesagt, dass diese Woche nichts kommt. Dass ich erst erleben muss, bevor ich erzählen kann. Ihr habt das mitgetragen, ohne zu murren, und dafür bin ich euch dankbar.
Jetzt habe ich erlebt.
Es gibt Inseln, von denen jeder zwei Namen kennt und sonst nichts. Koh Samui ist so eine. Chaweng und Lamai. Die beiden stehen in jedem Prospekt, die beiden sagt man, wenn man zurück ist und jemand fragt, wie es war. Zwei Strände, ein paar Bars, ein Sonnenuntergang. Fertig ist die Insel.
Dabei ist sie rund.
Sie hat einen Strand nach dem anderen, den ganzen Kreis entlang, und jeder hat seine eigene Uhrzeit, seine eigenen Leute, seinen eigenen Ton. Über die allermeisten wird nie jemand ein Wort verlieren.
Wir haben genau zwischen Chaweng und Lamai gewohnt, oben auf einer Anhöhe. Und eine Straße unter uns, direkt am Meer, lag ein Café. Wynd Beach. Da bin ich jeden Morgen hin, jeden einzelnen, und ich habe mich in zwei Wochen nicht daran gewöhnt.
Man sitzt da mit der ersten Tasse Kaffee und dem ersten Orangensaft, und vor einem liegt die Küste. Der Blick geht über Chaweng Beach hinaus, weiter bis zum Flughafen, und dann noch weiter, bis die Insel einfach aufhört.
Das alles, bevor der Tag überhaupt angefangen hat.
Und dann bin ich losgefahren.

Vierhundert statt fünfhundert
Wer auf dieser Insel keinen Roller hat, sieht seine Bucht, sein Hotel und den Weg dazwischen. Das ist kein Urlaub, das ist ein Aufenthalt.
Also bin ich losgegangen.
Hinter dem Tresen saß eine Frau, die mich schon angestrahlt hat, bevor ich überhaupt etwas gesagt hatte. Für thailändische Verhältnisse ungewöhnlich korpulent, mit einem Lächeln, das nicht aufgesetzt war und das den ganzen Raum ein bisschen wärmer gemacht hat. Fünfhundert Baht am Tag, sagte sie.
Ich habe sie angeschaut. Sie hat mich angeschaut. Wir haben beide gelächelt.
Am Ende waren es vierhundert.
Jetzt sagen ein paar von euch: Dominik, es geht um hundert Baht. Das sind zweieinhalb Euro. Musst du da wirklich feilschen?
Ihr habt vollkommen recht. Ums Geld geht es dabei nämlich überhaupt nicht. Handeln gehört hier zum Gespräch dazu, so wie bei uns die Bemerkung über das Wetter. Wer sofort ja sagt, nimmt dem anderen den schönsten Teil davon weg.
Fünf Leute auf einem Roller
Ich fahre seit über dreißig Jahren Motorrad, und ich bin nicht zum ersten Mal hier. Ich kenne diese Straßen, ich kenne dieses Land, und für mich ist das, was hier auf den Straßen passiert, nichts Ungewöhnliches mehr. Man stellt sich darauf ein wie auf ein Wetter, das man kennt.
Für jemanden, der zum ersten Mal hier aufsteigt, ist es das aber sehr wohl. Und deshalb schreibe ich das hier auf.
Der Verkehr auf Koh Samui folgt einem eigenen System. Sie kommen von vorne, von rechts, von links, von hinten, und manchmal kommt euch jemand auf eurer eigenen Spur entgegen, weil das für ihn gerade der kürzere Weg ist. Dazu Straßenverhältnisse, die keine Schräglage verzeihen und keine Geschwindigkeit: Sand in der Kurve, Schlaglöcher im Schatten, Hunde, die es eilig haben.
Und trotzdem funktioniert es. Erstaunlich gut sogar.
Bei uns zu Hause fahren wir nach Regeln. Und wehe, einer bricht eine. Dann sitzt in jedem zweiten Auto jemand, der Verkehrserziehung und Polizist in Personalunion spielt, hupt, gestikuliert, belehrt. Wir ziehen lieber den anderen zur Rechenschaft, als uns selbst an die eigene Nase zu fassen.
Hier ist das anders, und ich glaube, das hat einen einfachen Grund: Dieses Land sitzt auf dem Roller. Nicht als Hobby, sondern weil es die Art ist, wie man von A nach B kommt. Und wer selbst jeden Tag da draußen ist, weiß, wie es sich anfühlt. Der Respekt, den die Menschen hier voreinander haben, hört nicht auf, wenn sie aufsteigen. Er fährt mit.
Autofahrer sind in ihrer eigenen Welt, Rollerfahrer in ihrer eigenen, jeder macht sein Ding. Und trotzdem harmoniert das Ganze auf eine Art, die ich in Europa noch nie gesehen habe. Man fährt hier nicht nach Vorschrift. Man fährt nach Aufmerksamkeit.
Und tragt eure Helme. Es wird streng kontrolliert, die Strafen für Ausländer sind unangenehm, aber das ist nicht der Grund. Der Grund ist, dass man hier kaum einen Europäer auf einem Roller trifft, der keine Bandage trägt. Schulter, Arm, Knie. Es fällt niemandem mehr auf, und genau das ist das Schlimme daran.
Dann saßen wir zu dritt drauf. Vorne der Jüngere, hinten der Ältere, ich in der Mitte.
Ich sehe schon die Augenbrauen hochgehen. Bevor die ersten Nachrichten kommen: In Thailand ist das nichts Außergewöhnliches. Hier sitzen zu viert und zu fünft auf einem Roller, die Mutter mit dem Baby auf dem Arm, der Hund im Fußraum, der Wocheneinkauf am Lenker. Nach europäischen Maßstäben ist das vollkommen undenkbar. Hier ist es ein Bild des Alltags, das man an jeder zweiten Kreuzung sieht.
Ich bin gefahren wie immer. Genauso ruhig, genauso vorausschauend, genauso professionell wie seit dreißig Jahren. Ich mache mich nicht zum Helden, aber ich mache mich auch nicht kleiner, als ich bin.

Barfuß vor einem goldenen Riesen
Der erste richtige Kontakt mit der Kultur war kein Strand und kein Essen. Es war ein Tempel.
Wir sind zum Wat Phra Yai gefahren, zum großen goldenen Buddha. Ich war da schon einmal, vor vielen Jahren, in einem anderen Leben und mit einem anderen Gesicht im Spiegel. Und ich habe immer noch genau dasselbe Gefühl im Bauch, wenn ich die Stufen hochgehe. Er sitzt ganz außen auf einer Landzunge, auf ein Kloster gebaut, und ich kenne keine Statue auf dieser Welt, die schöner steht als diese.
Für meine Kinder war es das erste Mal. Schuhe aus. Das haben beide sofort verstanden, ohne dass ich es zweimal sagen musste. Und ich gebe zu, dass mich das mehr gefreut hat, als ich gezeigt habe.
Dann diese Glocken, die der Wind anschaukelt. Nicht laut. Eher wie ein Gedanke, der kurz vorbeikommt und wieder geht. Und dann steht man davor, die Sonne trifft dieses Gold, und man weiß für einen Moment nicht, wohin mit den Augen.
Sie waren still. Beide. Leute, wer Kinder in diesem Alter hat, weiß, was das für ein Satz ist.
Ich glaube, es war die Größe. Man kennt diesen Glauben ja nicht, keiner bereitet einen darauf vor, man steht einfach davor und merkt, dass hier etwas größer ist als man selbst. Und dass es einem trotzdem nichts will.
Wir haben dann einen Mönch getroffen, der uns gesegnet hat. Meine Kinder hatten zu viel Respekt und haben sich nicht getraut, und das war vollkommen in Ordnung. Man zwingt niemanden in einen Segen. Ich habe das rote Band bekommen.
Ich trage es heute noch am rechten Arm. Es ist ausgeblichen und ein bisschen ausgefranst, und es wird da bleiben, bis es von selbst geht.
Gleich um die Ecke vom Big Buddha liegt Bo Phut, und dort gibt es einen Ort, den ich euch nicht verschweigen kann: The King of Bread.
Ich weiß, wie das klingt. Man fliegt einmal um die halbe Welt, landet zwischen Palmen und Tempeln, und dann schwärmt der Mann vom Frühstück. Aber genau so ist es. Wir waren dort jeden einzelnen Tag.
Es gibt Orte, an denen man nach zwei Besuchen nicht mehr sagen muss, was man möchte. Wo der Tag anfängt, bevor man ihn geplant hat, und wo man beim Rausgehen schon weiß, dass man morgen wiederkommt. So ein Ort war das für uns. Wer in Bo Phut ist und daran vorbeiläuft, macht einen Fehler.

Ein Fremder wird hier warm empfangen, bevor er irgendetwas geleistet hat. Ich kenne kein anderes Land, das das so kann.

Die Insel, die ich mal kannte
Ich kenne Koh Samui von vor fünfundzwanzig Jahren. Damals war das hier verspielt, klein, dörflich. Mehr Landwirtschaft als Tourismus, und Fischerei war das große Thema.
Wer heute landet, landet auf einer internationalen Insel. Sie ist die Hauptschlagader im Golf von Thailand geworden, für sich selbst und für alle Nachbarinseln. In Nathon läuft der ganze Fährverkehr zusammen, die Langstreckenfähren, die Lastwagen, sogar Militär.
Und Koh Samui hat Tourismus satt. So satt, dass man es den Menschen anmerkt. Manche sind inzwischen ruppig, und wer schon einmal hier war, weiß, wie seltsam dieser Satz klingt. Ein ruppiger Thai ist ungefähr so wahrscheinlich wie Schnee im August.
Ich habe hier zum ersten Mal gesehen, wie ein Gast einen Thai anschreit. Es ging um eine Bestellung. Um ein Getränk.
Ihr müsst verstehen, was das bedeutet. Ein Thai wird nicht laut. Angeschrien zu werden ist für einen Menschen hier ungefähr das Schlimmste, was man ihm antun kann. Schlimmer als jede Beschwerde, schlimmer als kein Trinkgeld. Man nimmt ihm das Gesicht, und er kann sich nicht einmal wehren, weil er im Dienst ist und lächeln muss.
Und da ist mir das eine oder andere Mal etwas rausgerutscht. Ich habe mich eingemischt, obwohl es mich nichts anging.
Ich weiß, dass man das nicht macht. Ich weiß auch, dass es mir nicht zusteht, andere Gäste zu erziehen. Ihr habt recht, und ich würde es trotzdem wieder tun.
Ich bin hier Gast. Farang. Das gibt mir genau ein Recht, und das ist das Recht, mich zu bedanken.
Zwei Stunden für fünfzig Euro
Die Fahrt hoch zum Tree Bridge Coffee ist ein kleines Abenteuer, aber das sind hier alle Fahrten. Oben liegt Koh Phangan am Horizont, darunter das Meer in einem Blau, das man in Deutschland niemandem erklären kann, ohne dass er denkt, man übertreibt.
Ich habe beim Schreiben ständig dasselbe Problem. Schön. Wunderschön. Atemberaubend. Mir fallen keine neuen Wörter mehr ein, und ich habe irgendwann aufgehört, mich dafür zu entschuldigen.
Dort oben hängt eine Zipline. Ungefähr fünfzig Euro pro Person, und mein erster Gedanke war: viel zu teuer, das lassen wir.
Gefahren bin dann nicht ich. Gefahren ist mein Kleiner.
Und zwar aus einem Grund, den ich hier ehrlich hinschreibe, auch wenn er mich nicht gut aussehen lässt: Ich fand es zu teuer für zwei. Fünfzig Euro für mich und fünfzig für ihn, das waren mir hundert Euro für einen Nachmittag, und da habe ich gerechnet statt gefühlt. Also habe ich gesagt: Fahr du.
Ich habe danebengestanden, während sie ihn ins Gurtzeug geschnallt haben, und ich habe mir nichts anmerken lassen. Das ist so eine Vaterdisziplin, die einem keiner beibringt: ruhig aussehen, während innen drin sämtliche Alarme angehen. Dann stand er an der Kante, hat sich noch einmal umgedreht, und weg war er.
Ich habe zwei Stunden lang zugeschaut.
Und irgendwann auf halber Strecke habe ich erfahren, dass man das auch zu zweit machen kann. Vater und Kind, nebeneinander, an derselben Linie.
Das hat gesessen.
Denn genau da war ich dann: unten, mit beiden Füßen im Dreck, während über mir mein Sohn durch den Dschungel geflogen ist und ich hundert Euro gespart hatte, die mir kein Mensch zurückgibt. Ich habe schon dümmere Entscheidungen getroffen. Aber wenige, die mir länger nachgegangen sind.
Denn man fährt hier nicht eine Linie und ist fertig. Es geht über mehrere Ebenen hinüber auf die eine Seite des Berges und wieder zurück auf die andere, dazwischen ein Café, ein Wasserfall, und eine Aussicht, für die andere Leute Eintritt verlangen würden.
Und was soll ich sagen: Er hat noch zwei Tage später von nichts anderem geredet.
Ja, das ist ein Touristending. Ich weiß das. Fünfzig Euro für etwas, das in jedem Prospekt steht. Aber ich habe an dem Tag ein Kind aus diesem Dschungel zurückkommen sehen, das ein Stück größer war als morgens beim Frühstück, und dafür hätte ich auch das Doppelte gezahlt.
Auf dem Weg liegt ein Elephant Sanctuary, in dem Tiere aufgepäppelt werden, die für Shows oder für Arbeit misshandelt wurden. Wir waren nicht drin. Das ist nicht meins. Ich möchte aber niemandem vorschreiben, was er davon zu halten hat. Die Menschen dort machen ihre Arbeit vermutlich besser, als ich es von außen beurteilen kann.

Fünfhunderteinundsechzig Euro
Jetzt wird es unangenehm, und zwar für mich.
Im letzten Kapitel habe ich jemanden namentlich empfohlen. Marv, TourGoat, der deutschsprachige Anbieter auf Koh Samui. Ich habe ihn über TikTok kennengelernt, ich habe ihn persönlich getroffen, ich fand ihn sympathisch, und ich habe euch geschrieben, dass er nicht günstig ist und dass eine meiner beiden Touren chaotisch war. Aber weiterempfohlen habe ich ihn trotzdem.
Diese Empfehlung nehme ich zurück. Vollständig.
Wir wollten nach Koh Nang Yuan und Koh Tao. Tagestour, Speedboot, Schnorcheln, Mittagessen dabei. Das Angebot für uns vier lag bei fünfhunderteinundsechzig Euro.
Ich habe zweimal hingeschaut, ob ich mich verlesen habe.
Der Durchschnittsverdienst in Thailand liegt bei ungefähr sechshundert Euro. Nicht die Woche. Im Monat. Ein einziger Tagesausflug kostet hier also fast so viel, wie ein Mensch, der auf dieser Insel lebt und arbeitet, in vier Wochen nach Hause bringt.
Und was mich daran am meisten ärgert, ist nicht einmal der Preis an sich. Es ist das, womit geworben wird: deutschsprachig. Als wäre die eigene Muttersprache ein Produkt, für das man im Ausland das Vielfache verlangen darf. Als wäre es ein Service, mit Landsleuten Deutsch zu reden, und nicht einfach das Naheliegendste der Welt.
Das ist, mit Verlaub, genau die Sorte Touristennepp, vor der ich euch hier eigentlich warnen wollte. Und ich bin selbst darauf hereingefallen, weil mir jemand sympathisch war.
Ich habe höflich gelächelt und nein gesagt.
Ich unterstelle niemandem etwas Verbotenes. Jeder darf verlangen, was er verlangen will, und wer bezahlt, bestimmt selbst. Ich sage nur, was ich davon halte, und ich sage es, weil ich es beim letzten Mal andersherum gesagt habe. Wer Empfehlungen ausspricht, muss sie auch zurücknehmen können. Sonst sind sie nichts wert.
Wir sind stattdessen zum Pralarn Pier gefahren. Dort sitzt Lomprayah, die die großen Fähren im Golf betreiben, und man bucht direkt bei denen, bis nach Koh Tao und weiter bis Bangkok. Die Fähre hält vor Koh Nang Yuan, das ist der vorletzte Stopp. Man steigt aus, schnorchelt selbst, nimmt ein Longtailboot nach Koh Tao rüber und fährt abends mit der Fähre zurück.

Wir haben keine hundert Euro bezahlt.
Klar, ohne geführte Tour und ohne Mittagessen. Dafür auf einem Katamaran statt auf einem Speedboot, und wer schon einmal in einem Speedboot durch Wellengang geprügelt wurde, weiß, dass das kein Verzicht ist, sondern ein Geschenk.
Der Unterschied zwischen fünfhunderteinundsechzig und hundert Euro hängt am Ende nur an einer einzigen Frage: Fragt man einmal selbst nach, oder nimmt man, was einem hingelegt wird?
Der Oktopus ist kaputt
Es gibt einen Strand auf dieser Insel, der mich gleichzeitig beeindruckt und traurig gemacht hat.
Bang Tai Beach. Als ich im November das letzte Mal hier war, hingen dort Palmen so weit übers Wasser, dass es aussah wie aus einem Prospekt, den sich jemand ausgedacht hat. Diese Palmen haben sie abgeholzt. Ich stand da und habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich begriffen habe, was eigentlich fehlt.
Geblieben ist der Sala, und darauf steht ein alter, kaputter Oktopus aus Beton. Ein Überbleibsel aus Zeiten, in denen das hier mal ein Park war. Er ist verblichen, ihm fehlen Stücke, und ehrlich gesagt ist er kein schöner Anblick.
Und dann geht die Sonne unter.
Dann werden die Inseln im Hintergrund dunkel, der Himmel macht diese Sache, die Himmel in Thailand machen und für die ich immer noch kein Wort habe, und der kaputte Oktopus steht plötzlich als Silhouette da, als hätte ihn jemand mit Absicht genau dorthin gestellt.
Es ist kein hübscher Ort. Es ist ein schöner. Das ist nicht dasselbe, und ich brauche dafür jedes Mal einen Moment.
Nehmt etwas zu trinken mit und eine Decke. Sucht euch eine Stelle im Sand, an der euch niemand im Weg sitzt, und wartet einfach ab. Ihr werdet fast allein sein, weil kaum jemand weiß, dass es sich lohnt.
Und dann seht ihr einen der schönsten Sonnenuntergänge, die diese Insel zu vergeben hat. Nicht den lautesten, nicht den, vor dem hundert Handys hochgehalten werden. Einen, der einfach passiert, ob ihr da seid oder nicht, und der ein bisschen schöner wird, wenn ihr es seid.
Irgendwann geht das Licht, der Oktopus verschwindet im Dunkeln, und man sitzt noch eine Weile da und steht nicht auf. Das ist das eigentliche Zeichen: Ein Ort ist gut, wenn man nach dem Sonnenuntergang sitzen bleibt.

Zwanzig vor neun
Ein Stück weiter steht seit Kurzem die Bamboo Bar, die Bang Tai Beach Bar, und für die mache ich hier ganz bewusst Werbung. Ich bekomme dafür nichts. Ich schreibe es hin, weil ich finde, dass dieser Ort es verdient hat.
Ich habe die Besitzerin kennengelernt. Eine Thailänderin, verheiratet mit einem Franzosen, die hinter der Bar noch ein paar Baugrundstücke hat. Das letzte hat sie mir ganz nebenbei angeboten, so wie man hier über Dinge redet, die eigentlich groß sind. Im Internet stehen ein paar schlechte Bewertungen über diesen Ort. Ich kann keine einzige davon unterschreiben.
Bei Google steht, dass um neunzehn Uhr geschlossen wird. Das stimmt nicht. Geschlossen wird, wenn niemand mehr da ist.
Denkt mal kurz an ein Restaurant zu Hause. Um einundzwanzig Uhr ist Schluss, um zwanzig Uhr kommt die Last Order, und wenn ihr um zwanzig vor neun durch die Tür kommt, seht ihr dieses eine Gesicht. Ihr kennt dieses Gesicht. Es sagt, ohne ein Wort: Jetzt? Ernsthaft?
Hier wird gelächelt und gefragt, was ihr essen möchtet. Nicht, was noch geht. Was ihr möchtet.
Neben der Bar stehen drei Massageliegen, gebaut über dem Wasser. Man liegt da, leise Musik im Rücken, schaut aufs offene Meer, und jemand versucht mit sehr viel Geduld, einem fünfundzwanzig Jahre Fliegerei aus den Schultern zu holen.
Ich habe die Augen zugemacht und nur noch gedacht: So. Genau so.
Für einen Menschen, der das Meer so braucht wie ich, war das kein Ort zum Entspannen. Das war ein Ort zum Ankommen.
Was mir vorher keiner gesagt hat
Und jetzt kommt die eine Sache, die in keinem Prospekt steht und die ich mir selbst erschwimmen musste.
Ihr wisst, was das Meer für mich ist. Ich habe diesem Blog seinen Namen danach gegeben. Wenn ich irgendwo ankomme, ist das Erste, was ich suche, das Wasser, und das Zweite ist ein Weg hinein. Ich bin kein Mensch, der am Ufer steht und schaut. Ich gehe rein, und ich bleibe drin, bis mich jemand ruft.
Auf der Westseite von Koh Samui habe ich das nicht geschafft.
Und ihr müsst euch diese Strände vorstellen, wie sie wirklich sind: Silver Beach, Coral Beach, Lamai, Chaweng. Das sind die Bilder, die euch im Februar aus dem Reisebüro entgegenleuchten. Feiner heller Sand, Palmen, die sich genau richtig neigen, Felsen, die aussehen, als hätte sie jemand arrangiert. Das Wasser türkis am Ufer und dann in Streifen dunkler nach außen. Malerisch ist noch untertrieben. Man steht davor und denkt: So sieht das also aus, wenn ein Prospekt nicht gelogen hat.
Dann geht man rein. Warmes Wasser, weicher Boden, alles perfekt.
Und nach einer Weile fängt es an zu zwicken.
Erst denkt man, man hat sich das eingebildet. Dann kommt es wieder, an einer anderen Stelle, am Arm, im Nacken, hinter dem Knie. Kein Stechen, eher wie ein ganz leichter Strom, den jemand kurz anlegt und wieder abstellt. Man dreht sich um, sucht im Wasser, sieht nichts. Da ist auch nichts zu sehen.
Es sind Kleinstlebewesen von Quallen. Winzig, praktisch unsichtbar, und sie setzen sich auf der Haut fest. Nicht giftig, nicht gefährlich, kein Grund zur Panik. Kein Arzt, keine Salbe, nach ein paar Stunden ist es vergessen.
Aber man bleibt nicht drin. Das ist der Punkt.
Man geht raus, an einem Strand, den man sich aus dem Prospekt herausgeschnitten hätte, an dem alles stimmt, an dem man den ganzen Tag im Wasser liegen könnte. Ich bin raus. Ich, der das Meer braucht wie andere ihren Kaffee. Ich habe mich auf mein Handtuch gesetzt und aufs Wasser geschaut, und das ist ungefähr das Letzte, was ich im Urlaub tun will.
Auf der Ostseite ist mehr Strömung, und dort hat man das kaum bis gar nicht. Die Strände dort sind weniger spektakulär, weniger Postkarte, weniger das, was man herzeigt. Dafür bleibt man drin.
Wenn ihr mich also fragt: Die schöneren Fotos macht ihr im Westen. Baden würde ich im Osten. Und ja, ich weiß, wie das klingt. Aber ich habe beides ausprobiert, mehrfach, und ich würde es wieder genauso machen.
Und weil ich schon dabei bin, zwei Sätze, die ich sehr ernst meine. Das hier oben war die harmlose Sorte. Es gibt in Thailand auch die andere. Wenn euch etwas erwischt und es brennt richtig, oder wenn euch ein Affe beißt: sofort zum Arzt. Nicht abwarten, nicht selbst herumdoktern, nicht googeln. Die Kliniken hier sind hervorragend und wissen in zwei Minuten, was zu tun ist.
Und macht ein Foto von dem Tier, wenn ihr könnt. Ihr werdet es nicht beschreiben können, und die Ärztin kann nicht raten.
Ein Unfall namens Rendezvous
Die schönsten Sachen findet man auf dieser Insel nicht, weil man sie gesucht hat. Man findet sie, weil einem der Hintern wehtut.
Wir sind an einem Tag gefahren und gefahren, immer weiter nach Norden, in eine Ecke, in der vom Tourismus nichts mehr übrig ist. Dafür Industrieverkehr. Lastwagen, Staub, Lärm, eine Straße, auf der niemand freiwillig unterwegs ist. Ich war an dem Punkt, an dem man einfach nur noch absteigen will.
Und dann, mitten in diesem Dreck, rechts neben der Straße: eine Bar aus Teakholz, an der lauter Schaukeln hängen. Davor Palmen. Dahinter smaragdgrünes Meer.
Rendezvous Bar. Süßwasserdusche, richtige Betten statt Liegen, und ein Service, der einen behandelt, als wäre man angemeldet gewesen. Dazu ein Strand, auf dem wirklich kein Mensch ist. Die Hauptstraße liegt hinter der Bar und bleibt auch dort. Wenn man vorne sitzt, hört man sie nach zehn Minuten einfach nicht mehr.
Wir waren nicht einmal dort. Wir waren dreimal dort.

Das Haus meines Lebens
Hinter der Rendezvous Bar fangen die privaten Anwesen an. Und ich meine wirklich Anwesen. Häuser, bei denen jedes Zimmer sein eigenes Gebäude hat, in der Mitte ein Pool, ein Steg darüber.
Ich bin da spazieren gegangen, einfach so, und irgendwann stand ich vor einem und bin stehen geblieben. Ihr kennt das vielleicht. Dieses eine Haus, bei dem man nicht „schön" denkt, sondern „da wäre ich zu Hause".
Und dann kommt die Zahl.
Vor gar nicht so langer Zeit bekam man in Thailand für dreißig- bis fünfzigtausend Euro ein ordentliches Anwesen. Kein Bretterverschlag, ein richtiges Haus, mit Grund und Blick und allem, was dazugehört.
Heute steht vor demselben Tor eine Zahl mit sieben Stellen. 1,7 Millionen Euro. So viel kostet inzwischen eine Villa auf dieser Insel.
Das ist nicht mein Problem. Ich habe hier nichts verloren und nichts zu kaufen. Es ist das Problem der Menschen, die hier geboren wurden und zuschauen, wie ihre eigene Insel unbezahlbar wird. Die Frau, die mir den Roller vermietet hat und die so gelächelt hat, wird sich hier nie etwas kaufen können. Sie hat den schönsten Blick der Welt vor der Tür und wohnt hinter ihrem Laden.
Falls ihr trotzdem mit dem Gedanken spielt: Als Ausländer könnt ihr in Thailand kein Land kaufen. Ihr kauft das Gebäude und bekommt eine Langzeitpacht, aktuell dreißig Jahre. Es kursieren Konstruktionen mit dreißig plus dreißig plus dreißig, die dann als neunundneunzig Jahre verkauft werden. Seid da bitte vorsichtig. Es haben schon sehr viele Leute sehr viel Geld verloren, und die waren nicht dümmer als wir.
Ich bin kein Anwalt und gebe keine Rechtsberatung. Aber wenn euch jemand fehlt, der einfach ehrlich sagt, was er gesehen hat: schreibt mir.

Redet mit den Leuten
Wenn ich euch aus diesen zwei Wochen eine einzige Sache mitgeben darf, dann ist es nicht die Zipline, nicht die Fähre und nicht einmal der kaputte Oktopus.
Es ist das hier: Redet mit den Leuten.
Nicht mit denen, die in Chaweng und Lamai auf euch zukommen. Die wollen etwas verkaufen und machen einfach ihren Job. Sondern mit den normalen Menschen am Straßenrand. Der Frau am Obststand. Dem Mann, der die Wäsche macht. Sagt einfach: Du wohnst hier. Erzähl mir was.
Ihr glaubt nicht, was dann passiert. Wie sehr sich jemand freut, wenn ein Fremder sich für sein Leben interessiert statt nur für den Preis. Ich habe an einem Straßenstand eine halbe Stunde lang über Kokosnüsse geredet und dabei mehr über diese Insel gelernt als in jedem Reiseführer.
Das ist es, was ich an diesem Land liebe. Es hat nichts mit Stränden zu tun, nichts mit Essen und schon gar nichts mit Partys.
Es hat damit zu tun, dass man hier als Mensch behandelt wird, bevor man irgendetwas dafür getan hat.
Und jetzt kommt der Rest
Das war die Runde. Der erste Blick, die Fahrt rundherum, das, was ich gesehen habe, während ich noch dabei war zu begreifen, wo ich eigentlich gelandet bin.
Fertig bin ich mit dieser Insel noch lange nicht.
Im nächsten Kapitel wird es konkret. Ich zeige euch die Orte, an denen ihr euer Geld verbrennt, ohne etwas dafür zu bekommen. Und die, von denen ich euch ehrlich gesagt am liebsten gar nichts erzählen würde, weil sie dann nicht mehr leer sind. Touristenfallen und Geheimtipps. Beides bekommt ihr, mit Namen, ohne Beschönigung.
Und danach nehme ich euch mit aufs Wasser. Ang Thong, Koh Phangan, Koh Tao, Koh Nang Yuan. Die Inseln rund um die Insel, und was sie kosten dürfen und was nicht.
Packt schon mal den Helm ein.
Sawadee Khrap.
Willkommen an Board,
Dominik
Die Podcast-Folgen zu den Thailand-Kapiteln spreche ich ein, sobald ich zurück in Deutschland bin. Sie werden hier nachgereicht.