Alltag · Kapitel 2.15 · 14. Oktober 2026

Seine Lieblinge

Mein Vater nennt zwei Bankberaterinnen seine Lieblinge. Weil sie mit ihm reden.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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„Was soll ich denn machen?“

Diesen Satz sagt mein Vater seit anderthalb Jahren am Telefon. Nicht laut, nicht klagend. Eher so, wie man eine Tür einen Spalt aufmacht und schaut, ob jemand hereinkommt.

Meistens geht es dabei um etwas Kleines. Die Augen. Ein Brief. Eine Rechnung, die er nicht versteht. Und ich sitze zweihundert Kilometer weiter und sage ihm, was er machen soll, und lege auf und denke, dass das jetzt geklärt ist.

Heute fahre ich hin. Diese zweihundert Kilometer.

Und ich sage euch gleich, was mich die ganze Fahrt über nicht loslässt: Ich bin heute der, der seinem Vater erklärt, was er zu tun hat. Nach vierzig Jahren andersrum.

Ein altes Festnetztelefon auf einer Häkeldecke, daneben Notizblock und Lesebrille im Nachmittagslicht.
Der Hörer liegt nie ganz gerade in der Gabel.

Seine Lieblinge

Mein Vater geht gern zum Arzt.

Das klingt wie ein Witz über alte Leute, und so war es auch gemeint, als ich es zum ersten Mal gedacht habe. Ich habe in fünfzehn Jahren nicht so viele Ärzte gesehen wie er in den letzten zwei. Und ich war in dieser Zeit in psychologischer Behandlung.

Aber irgendwann habe ich kapiert, dass es nicht um die Wehwehchen geht.

Ein Termin ist ein Mensch, der dich anschaut. Jemand, der fragt, wie es dir geht, und die Antwort abwartet. Der sich Zeit nimmt, die ihm jemand bezahlt, und sei es dafür, in ein Ohr zu leuchten.

Ein leeres Wartezimmer mit vier Stühlen, auf einem liegt ein zusammengefalteter Mantel.
Vier Stühle, und für eine halbe Stunde hört dir jemand zu.

Heute um vier haben wir einen Termin bei der Bank.

Und mein Vater sagt dazu nicht „bei der Bank“. Er sagt: bei seinen Lieblingen. Seinen Beraterinnen.

Ich habe mich darüber lustig gemacht, als er das zum ersten Mal sagte. Und dann ist mir die Luft weggeblieben, weil ich begriffen habe, was dieser Satz bedeutet. Ein Mann nennt zwei Angestellte einer Bankfiliale seine Lieblinge.

Weil sie mit ihm reden.

Seit meine Mutter nicht mehr da ist

Das ist der Teil, über den ich eigentlich nicht schreiben wollte.

Seit meine Mutter gestorben ist, ist er allein. Nicht allein im Sinne von niemand da. Allein im Sinne von: Abends macht keiner mehr den Fernseher aus und sagt irgendetwas dazu.

Und er lernt gerade etwas, das er in seinem Alter nicht mehr lernen müsste. Dass Menschen Dinge versprechen und sie nicht halten. Dass jemand sagt, er meldet sich, und sich nicht meldet. Dass man eingeplant wird und dann doch nicht.

Er sagt das nicht. Ich höre es daran, wie er am Telefon „ach, nichts Besonderes“ sagt, wenn ich frage, was es Neues gibt.

Zwei abgenutzte Holzstühle dicht nebeneinander in einem leeren Raum, ihre Schatten berühren sich auf dem Dielenboden.
Zwei Stühle. Einer wird nicht mehr gebraucht.

Und ich, der Sohn, war in diesem Jahr in Österreich und in Thailand und in Berlin und weiß der Himmel wo. Die Zeit geht ins Land, und irgendwann merkst du, dass du bei dem Menschen, der am längsten in deinem Leben ist, am seltensten warst.

Das gehört zu diesem Tag dazu. Auch wenn im Kalender nur „Banktermin“ steht.

Zwei Augen, zwei Rechnungen

Der Anlass ist banal, und das ist fast das Schlimmste daran.

Er hatte lange Probleme mit den Augen. Immer wieder dieselbe Frage, immer wieder diese halb geöffnete Tür. Irgendwann habe ich gesagt: Lass sie lasern.

Er hat sich operieren lassen, und danach kamen die Rechnungen. Zwei, eine pro Auge, mit unterschiedlichen Summen. Ich habe eine überwiesen und war sicher, damit sei es erledigt.

Zwei aufgefaltete Rechnungen auf einem Küchentisch, daneben eine Kaffeetasse und eine Lesebrille.
Zwei Rechnungen. Er hat ja auch zwei Augen.

Dann riefen sie aus der Praxis an. Wo das Geld bleibe.

Ich habe mich aufgeregt. Ich war fest überzeugt, dass da jemand schlampt, und wahrscheinlich war ich am Telefon nicht besonders freundlich. Dann hat man mir erklärt, dass es zwei Rechnungen sind. Er hat ja auch zwei Augen.

Mein Fehler. Nachgereicht, eingereicht, nachgehakt, überwiesen. Das Geld ging von der Versicherung auf das Konto meines Vaters.

Und von dort ist es weg.

Nicht gestohlen. Niemand hat ihn betrogen. Es ist irgendwo hin, und er weiß nicht, wohin. Ein paar tausend Euro.

Er hat es nicht einmal bemerkt.

Der Moment, vor dem mir graut

Jetzt stellt euch das bitte einmal vor.

Da sitzt ein Mann, der mir beigebracht hat, wie man rechnet. Der mir als Kind auf die Finger geklopft hat, wenn ich zu locker mit Geld umgegangen bin. Der mir beigebracht hat, was Verantwortung heißt, und zwar nicht in Worten.

Hätte ich damals ein paar tausend Euro verschwinden lassen, meine Eltern hätten mir den Kopf abgerissen. Umgespitzt, wie man bei uns sagt. Ich hätte das ausbaden dürfen bis auf den letzten Cent.

Und heute Nachmittag um vier sitze ich neben ihm bei seinen Lieblingen und sage in den Raum, dass ich ab sofort in seine Konten schauen möchte.

Blick durch die Windschutzscheibe auf eine fast leere Autobahn im Nachmittagslicht, auf dem Armaturenbrett ein Aktenordner.
Zweihundert Kilometer, um einen einzigen Satz zu üben.

Ich habe die ganze Fahrt Zeit, mir zu überlegen, wie ich diesen Satz sage.

Weil ich weiß, was er hört. Er hört nicht „ich helfe dir“. Er hört: Du kannst das nicht mehr allein.

Es gibt ein Wort dafür, und das Wort ist hässlich: bevormunden. Davor habe ich Angst. Nicht davor, dass er wütend wird. Davor, dass er nickt und nichts sagt und sich dabei ein kleines Stück aufgibt.

Man dreht den Spieß nicht um. Man rückt nur etwas gerade.

Das ist der Satz, mit dem ich mich seit zwei Tagen beruhige. Ich bin mir nicht sicher, ob er stimmt.

Wie es überhaupt so weit kommen konnte

Einen Satz zum Hintergrund, dann lasse ich es.

Mein Vater hatte ein kleines Unternehmen. Er hat eingezahlt, jahrzehntelang, und er hat den Menschen vertraut, die hinter den Schreibtischen saßen. Eine Steuerkanzlei hat ihn bei der Wahl seiner Unternehmensform so beraten, dass er in der privaten Krankenversicherung hängen blieb.

Zwischen zwölf- und achtzehnhundert Euro. Jeden Monat. In einer Lebensphase, in der nichts mehr hereinkommt.

Es sind Immobilien verkauft worden, um das zu bezahlen. Dinge, für die ein Mensch ein Leben lang gespart hat und auf die er immer wieder Steuern gezahlt hat, währenddessen und danach.

Ich nenne keine Namen. Das steht mir nicht zu, und es ändert auch nichts.

Aber ich schreibe es hin, weil ich glaube, dass es mehr Menschen betrifft, als darüber reden. Ein Mensch zahlt vierzig Jahre lang ein. Er versteuert, was er verdient. Er versteuert, was er besitzt. Und am Ende verkauft er das, was davon übrig ist, um seine Krankenversicherung zu bezahlen.

Ich bin kein Politiker und will keiner sein. Ich frage mich nur, an welcher Stelle wir beschlossen haben, dass das in Ordnung ist.

Das eine, was ich euch mitgeben will

Und jetzt kommt der Teil, bei dem ich euch bitte, kurz aufzuhören zu scrollen.

Habt ihr Eltern? Habt ihr jemanden, der älter wird und den ihr liebt?

Dann regelt das. Heute. Nicht wenn es so weit ist.

Vollmacht. Zeichnungsberechtigung. Einblick. Die unbequemen Gespräche, bei denen der andere sich übergangen fühlt und überrumpelt und ein bisschen beleidigt, weil ihr ihm gerade sagt, dass er alt wird.

Führt sie trotzdem. Und stellt dabei die eine Frage, die alles klärt:

Was passiert eigentlich, wenn dir etwas zustößt und ich nichts regeln darf?

Wenn mein Vater morgen im Koma liegt, kann ich nichts tun. Gar nichts. Ich kann seine Rechnungen aus meinem Ersparten bezahlen, das ist in Ordnung, das ist mein Vater. Aber handeln kann ich nicht. Keine Bank, keine Versicherung, kein Amt redet mit mir.

Das ist ein Albtraum. Und es ist einer, den man mit einem Nachmittag und einer Unterschrift verhindern kann.

Der Notstand braucht übrigens kein Alter. Mir könnte heute auf diesen zweihundert Kilometern etwas passieren.

Ein leerer Beratungstisch in einer Bankfiliale mit zwei Stühlen, einer davon zurückgeschoben.
Um vier. Er, ich, und seine Lieblinge.

Um vier

In ein paar Stunden sitzen wir also da. Er, ich, und seine Lieblinge.

Danach fahre ich vielleicht noch kurz nach München, hänge den Wagen an den Strom und mache mich auf den Rückweg. Viereinhalb Stunden für ein Gespräch, das keine zwanzig Minuten dauert.

Und wisst ihr was? Das ist auch gar nicht der Grund.

Der Grund ist, dass da ein Mann sitzt, der niemanden mehr hat, dem er abends erzählen kann, dass er bei der Bank war. Und dass ich heute dieser Jemand bin.

Ich fahre hin, um etwas geradezurücken, obwohl bei mir selbst gerade auch nicht alles rundläuft. Zwei Männer, die beide nicht ganz sauber laufen, sitzen nebeneinander und tun so, als hätten sie das im Griff.

Vielleicht ist genau das die Arbeit. Vielleicht heißt Familie am Ende nichts anderes, als sich abwechselnd zu halten.

Bis dahin. Liebe Grüße, euer Dominik

Willkommen an Bord.

Zwischen Himmel und Erde · Podcast

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