Alltag · Kapitel 2.14 · 11. Oktober 2026

Gegen die Brandung

Dreihundert Bewerbungen, zwei Antworten. Und eine App, die genau einmal jemand wollte.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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Kennt ihr das, wenn ihr gegen eine Welle anschwimmt?

Ihr seid im Wasser, der Strand ist da, er ist nah, ihr seht ihn ja. Ihr schwimmt. Dann kommt die Welle, hebt euch an, nimmt euch mit und setzt euch wieder ab. Ihr schwimmt weiter. Die nächste kommt. Ihr schwimmt.

Und irgendwann hebt ihr den Kopf und merkt, dass der Strand genau da ist, wo er vorhin war. Keinen Meter näher. Nur eure Arme sind jetzt schwer.

Ich liebe nichts auf dieser Welt so sehr wie das Meer. Und ausgerechnet das Meer gibt mir gerade das Bild für etwas, das sich kein bisschen schön anfühlt.

Ich sage euch gleich zu Anfang, worauf das hier hinausläuft, weil ich es seit Wochen mit mir herumschleppe und es langsam schwer wird. Es geht nicht ums Geld. Es geht nicht um Aufträge. Es geht um die Frage, die darunter liegt und die ich mir eigentlich nicht stellen will:

Was bin ich eigentlich noch wert, wenn keiner haben will, was ich kann?

Sechs Stunden, jeden Tag

Mein Tag fängt immer gleich an. Kurz nach sieben, Füße auf den Boden, Rechner an. Der läuft schon, bevor ich mir die Zähne putze. Dann der erste Kaffee, und dann sitze ich.

Und dann habe ich sechs Stunden.

Ein Schreibtisch im Morgengrauen, der Bildschirm leuchtet, daneben eine Tasse Kaffee, der Stuhl steht leer und herausgezogen.
Zehn nach sieben. Von hier aus habe ich sechs Stunden.

Um zehn nach eins geht unten die Tür, dann kommen meine Kinder nach Hause, und ab da gehört der Tag ihnen. Das ist keine Beschwerde, das ist das Beste am Tag. Aber ich will ehrlich sein: In der Minute zwischen dem Geräusch der Tür und dem Moment, in dem sie oben sind, mache ich jedes Mal dasselbe. Ich atme einmal durch und setze das Gesicht auf, das ein Vater aufsetzt. Das Gesicht von jemandem, bei dem alles in Ordnung ist.

Sie sollen ja nicht sehen, was zwischen sieben und eins passiert ist.

Und was passiert zwischen sieben und eins? Ganz ehrlich: eine Menge.

Ich sitze seit sieben Wochen an einem neuen Webauftritt. Sieben Wochen. Ich baue seit drei Monaten an einer eigenen KI, einem persönlichen Assistenten, der nicht übers Wetter plaudert, sondern wirklich mitdenkt. Ihr dürft mich dafür einen Nerd nennen. Ihr dürft mich auch für verrückt erklären, da wäre ich der Letzte, der widerspricht.

Ich bin so kreativ wie noch nie in meinem ganzen Leben.

Und so unproduktiv wie lange nicht.

Was produktiv für mich heißt

Nicht, dass nichts entsteht. Es entsteht ständig etwas. Mir fällt dauernd etwas ein, ich wache morgens mit Ideen auf, ich habe Notizen auf dem Handy, die kein Mensch mehr sortieren kann.

Produktiv heißt bei mir: dass am Ende des Monats etwas übrig ist.

Und da rutsche ich. Jeden Monat ein Stück weiter Richtung Abgrund, während ich baue. Das ist das, was mich wirklich fertigmacht. Nicht die Arbeit. Das Gefälle.

Eine Eule, die keiner haben will

Jetzt muss ich euch von etwas erzählen, bei dem mir immer noch der Hals eng wird.

Mein Sohn hat ein Problem mit Vokabeln. So wie viele Kinder. Karteikarten funktionieren bei ihm nicht, das war schnell klar, und irgendwann saßen wir beide da und haben uns gefragt, wie man das anders lösen könnte.

Also haben wir es gebaut. Zusammen. Eine App. Man fotografiert die Seite im Schulbuch, und sie macht daraus die Übungen. Die Lingo-Eule.

Blick von oben auf einen Küchentisch am Abend, ein aufgeschlagenes Vokabelheft, ein Handy und zwei Paar Hände, eine erwachsene und eine jüngere.
So fängt so etwas an. Abends, am Küchentisch.

Ihr müsst euch das vorstellen: Ein Vater und sein Sohn sitzen abends am Tisch, und der Sohn sagt dem Vater, was eine App können müsste, damit sie ihm wirklich hilft. Und der Vater baut es. Ich habe in diesen Wochen gearbeitet wie seit Jahren nicht, weil ich zum ersten Mal seit langem wieder für jemanden gebaut habe, den ich kenne.

Die Eule steht jetzt seit drei Monaten im App Store. In hundertfünfundsiebzig Ländern.

Verkauft habe ich sie ein einziges Mal.

Einmal.

Ich habe damals ehrlich auf dem Handy nachgesehen, ob die Meldung stimmt. Ein Verkauf. Irgendwo auf der Welt hat ein Mensch zwei Euro ausgegeben und meine Eule heruntergeladen, und ich habe dagesessen und mich gefreut wie ein Kind.

Und dann kam nichts mehr.

Ich will für das Ding nicht einmal richtig Geld. Ich habe Schulen angeboten, sie kostenlos zu nehmen. Nur ausprobieren. Einfach mal gucken. Es hat sich keiner gemeldet.

Das Schlimmste daran ist nicht das Geld. Das Schlimmste ist, dass mein Sohn irgendwann fragt, wie viele es benutzen.

Dreihundert Mal bewerben

Parallel dazu habe ich mich beworben. Über dreihundert Mal.

Zwei Antworten.

Ein hoher Stapel ausgedruckter Bewerbungen in Klarsichthüllen auf einem Schreibtisch, daneben ein leerer, geöffneter Umschlag und ein Stift.
Dreihundert Mal. Zwei Antworten.

Die eine Firma hat mir abgesagt, und ich meine das ohne Bitterkeit: Sie hat sich gemeldet. Dafür bin ich tatsächlich dankbar, so weit ist es gekommen.

Bei der anderen durfte ich mich vorstellen. Richtig, persönlich, Hemd, Termin. Wir haben geredet, es lief gut, ich saß da und dachte, vielleicht ist das jetzt der Moment, an dem es dreht.

Und dann fragt mich mein Gegenüber, warum ich mich überhaupt auf eine so minderwertige Stelle bewerbe. Sie könnten mir doch gar nicht bieten, was ich an Wert mitbringe.

Ein Mann im weißen Hemd steht von hinten gesehen allein auf einem leeren Parkplatz vor einem Bürogebäude, eine Mappe in der Hand.
Und dann steht man da und weiß nicht, was gerade passiert ist.

Ich habe genickt. Ich habe irgendetwas Freundliches gesagt und bin aufgestanden und habe die Hand geschüttelt und bin rausgegangen, und auf dem Parkplatz stand ich dann und habe gemerkt, dass ich nicht weiß, was da gerade passiert ist. Ob man mich gerade gelobt hat. Oder ob man mich mit einem Kompliment vor die Tür gesetzt hat.

Zweihundertachtundneunzig andere haben gar nicht geantwortet. Kein Nein, keine Eingangsbestätigung, nichts. Man schreibt in ein Loch hinein.

Weggeschnippt wie eine Zigarette

Und dann sind da die Menschen.

Ich habe über Jahre in Leute investiert. In Freunde, in Bekannte, in Fremde, die mir mit Rat zur Seite standen und mit Versprechungen und mit diesem Satz, den man so gerne hört: Mensch, mit dir machen wir was.

Und dann lässt man dich gegen die Wand laufen.

Eine ausgedrückte Zigarette liegt durchnässt in einer Pfütze auf nassem Asphalt, darin spiegelt sich grauer Himmel.
In dem Moment, in dem man dich nicht mehr braucht.

Weggeschnippt wie eine Zigarette, in dem Moment, in dem man dich nicht mehr braucht. Oder in dem du nicht mehr in den Rahmen passt. Oder in dem du unbequem wirst, weil du nachfragst.

Da war diese Firma am Bodensee. Den Namen lasse ich weg, das steht mir nicht zu. Dieselben Sätze, wie gut ich sei, wie perfekt das alles passe. Und unterm Strich war ich wieder der Stummel auf dem Boden.

Daran nage ich bis heute. Mehr, als ich zugeben möchte. Und daran wächst etwas, das mir nicht guttut: der Zweifel, ob die vielleicht alle recht hatten.

Und dann setzt sie sich daneben

Ihr wisst, dass ich eine Depression habe. Ich schreibe das hier nicht hin, um Mitleid einzusammeln, und ich schreibe es auch nicht hin, weil es sich gut liest. Ich schreibe es hin, weil ihr den Rest sonst nicht versteht.

Sie braucht nämlich keine Katastrophe. Ihr reichen dreihundert unbeantwortete Mails und eine Eule, die keiner haben will.

Dann kommt sie, setzt sich neben mich an den Schreibtisch und sagt mir mit meiner eigenen Stimme das, was ich mir ohnehin schon selbst gedacht habe. Sie erfindet nichts. Das ist das Perfide daran. Sie nimmt die Dinge, die stimmen, und legt sie so hin, dass nur noch ein Schluss übrig bleibt.

Und der Schluss ist immer derselbe: dass es an dir liegt.

Ich suche kein Wunder

Ich bin nicht auf der Suche nach einem Wunder. Ich habe mit Wundern abgeschlossen.

Ich bin auf der Suche nach der anderen Hälfte. Nach dem Yin zu meinem Yang.

Ich kann Dinge bauen. Ich kann sie nur nicht an den Mann bringen, und ich weiß bis heute nicht, warum. Ich kriege das nicht nach draußen getragen. Das ist mein größtes Handicap, und keiner weiß das besser als ich.

Ich kann nicht einmal mich selbst verkaufen. Ausgerechnet ich, der fünfundzwanzig Jahre lang vor Menschen gestanden hat.

Warum ich trotzdem weiterbaue

Weil ich an das Ding glaube, an dem ich sitze. Auch wenn es keiner bezahlt.

Ihr dürft alle sagen, ihr habt Angst vor künstlicher Intelligenz. Dann habt Angst davor, das ist euer gutes Recht. Aber denkt an das Messer in eurer Küchenschublade. Mit einem Messer kann man einen Menschen töten. Mit einem Messer kann man ein Feuer machen und eine Nacht überleben. Mit einem Messer kann man sein Essen teilen.

Es kommt auf die Hand an, die es hält. Immer.

Und ich sehe da draußen so viele Menschen, die einsam sind. Nicht ein bisschen allein. Richtig einsam.

Deshalb geht es bei dem, was ich baue, auch nicht um Zahlen und Passwörter. Es geht um die Fragen dahinter. Was ist Empathie. Was ist Loyalität. Was ist Ehrlichkeit. Woran hält man sich, wenn es unbequem wird.

Wie bringt man einem Computer so etwas bei?

Das ist mein täglich Brot. Nennt mich einen Spinner und stellt mich in die Ecke. Ich glaube nicht, dass daraus ein Geschäft wird. Ich glaube, dass es wichtig ist. Und ich habe gelernt, dass das zwei verschiedene Dinge sind.

Die Frage, die ich mir nicht stellen will

Und dann kommt der dunkle Punkt.

Soll ich mir nicht einfach einen Job bei McDonald’s suchen? Pakete ausfahren?

Versteht mich nicht falsch. Es ist nicht die Arbeit, vor der ich mich drücke. Ich habe fünfundzwanzig Jahre im Schichtdienst gearbeitet, Nächte, Feiertage, Zeitzonen. Mir ist vor keiner Arbeit der Welt bange.

Es ist die Frage dahinter. Die, die ich mir nicht laut stelle, weil ich die Antwort fürchte: Was war das alles dann wert?

An manchen Tagen stehe ich im Büro auf, gehe zum Fenster und fühle mich aufs Abstellgleis geschoben. Und dann verliert sich der Mut irgendwo, der Zweifel wird größer als ich, und irgendwann ist da nur noch leer.

Und dabei soll ich funktionieren

Und während das in mir läuft, bin ich Familienvater. Ich bin Ehemann.

Ich habe zu funktionieren. Nicht nur finanziell, auch wenn das der Teil ist, der mich nachts um halb vier wach macht. Sondern auch emotional. Ich soll der sein, auf den man sich verlässt.

Wie soll sich jemand auf dich verlassen, wenn du dir selbst gerade nicht über den Weg traust?

Das ist der Satz, an dem ich hängenbleibe. Jedes Mal.

Ist das Jammern auf hohem Niveau?

Vielleicht ist es das. Mit den Zahlen, die ich hier hinschreibe, klingt es womöglich danach. Vielleicht ist das hier auch nur eine Mitleidsnummer, und ich sitze hier und beweihräuchere mich selbst. Ich weiß es nicht.

Aber es muss raus.

Und wenn es einmal ausgesprochen ist und einmal getippt dasteht, dann ist es festgehalten. Dann gehört es nicht mehr nur mir. Und dann kann man das Kapitel auch zuschlagen und das Buch ins Regal stellen.

Genau dafür gibt es Ocean Zero. Nicht für die schönen Tage. Die schreiben sich von allein.

Und trotzdem Skittles

Jetzt kommt das Seltsame, und das verstehe ich bis heute nicht.

Es ist ein steiniger Weg, und er drückt. Ich habe Angst. Ich habe Unmut. Ich habe eine Last zu tragen, der ich manchmal schlicht nicht Herr werde.

Bunte runde Bonbons liegen verstreut über einem nüchternen grauen Schreibtisch zwischen Tastatur, Notizen und Kaffeetasse.
Und gleichzeitig das hier. Fragt mich nicht, warum.

Und gleichzeitig sprudelt mir die Kreativität aus dem Kopf wie ein Regenbogen. Wie eine Tüte Skittles, die jemand über den Tisch gekippt hat. Alles gleichzeitig, alles bunt, alles durcheinander.

Ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Vielleicht ist es das Gegengewicht. Vielleicht wäre ich sonst längst untergegangen.

Eigentlich finde ich es sogar schön.

Was ich bräuchte

Einen Geschäftspartner. Einen, der sieht, was da steht. Mit dem man durch dick und dünn geht und bei dem man weiß, dass er einen nicht wegschnippt, wenn es mal eng wird.

Oder einen knallharten Vertriebler, der reinkommt und sagt: Cooler Typ, cooles Luftschloss, genau dich will ich, und jetzt machen wir was draus.

So allein denke ich eben doch wieder über den Paketdienst nach.

Was ich euch mitgeben will

Ich wollte euch heute einen Einblick geben. In meinen Alltag, in meine Projekte, und in das, was zwischen sieben und eins in mir passiert, während draußen alles ganz normal aussieht.

Und wenn da draußen gerade jemand sitzt, dem es ähnlich geht, mit seiner Angst, mit seinem Unmut, mit seiner eigenen Brandung, dann will ich euch nichts vormachen.

Die klugen Sprüche kommen immer von denen, die sich nicht daran halten müssen. Ich habe keinen für euch.

Ich kann euch nur das hier sagen: Hört nicht auf zu schwimmen.

Ich höre auch nicht auf. Die Arme sind schwer, der Strand ist noch genauso weit weg, und morgen früh um kurz nach sieben sitze ich wieder da.

Gemeinsam sind wir stark, und ich bin wirklich froh, dass ihr da seid. Jeder, der diese Zeilen liest, trägt ein Stück mit, auch wenn er es mir nie sagt.

Dafür danke ich euch.

Bis dahin. Liebe Grüße, euer Dominik

Willkommen an Bord.

Ein persönlicher Hinweis: Wenn du selbst mit Angst, Zweifeln oder Depressionen kämpfst, bleib damit bitte nicht allein. Die TelefonSeelsorge erreichst du in Deutschland Tag und Nacht kostenlos und anonym unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123. In akuter Not ruf die 112. Du musst nicht wissen, wie es weitergeht. Es reicht, jetzt jemanden anzurufen.
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