Er steht unter einem Zelt vor der Garage, weil er in die Garage nicht hineinpasst. Das Haus ist zu alt, die Einfahrt zu schmal, und irgendwann haben wir aufgehört, das zu bedauern.
Also steht er davor. Unter Plane, mit dem Regen direkt über sich. Und ich liege drin, während ich euch das hier erzähle.
Seit ein paar Wochen weiß ich das Datum. Seitdem werden die Nächte unruhiger. Nicht dramatisch, nichts, was man jemandem erzählen müsste. Nur dieses Wachwerden um halb vier, ohne Grund, mit einem Kopf, der sofort weiterläuft, als hätte er die ganze Zeit auf mich gewartet.
Am 16. November fahre ich nach Frankfurt, in ein VW-Zentrum, und gebe ihn ab. Leasingrückgabe. Das ist der ganze Vorgang. Zwei Unterschriften, ein Schlüssel, ein Protokoll.
Für die Leute dort ist das ein Montag. Ihr ahnt vielleicht schon, dass es für mich keiner ist.
Wie er zu seinem Namen kam
Wir haben ihn in Hannover abgeholt. Meine Kinder waren dabei, und wir hatten damals zu Hause diese alte Serie geschaut, die mit dem Käfer, der ein eigener Charakter ist und macht, was er will.
Auf dem Rückweg war die Sache entschieden. Nicht von mir. Die beiden haben ihn getauft, so wie Kinder das tun, ohne Diskussion und ohne Alternative. Herbie.
Ich fand das damals süß, und ich sage euch ehrlich: Ich habe nicht verstanden, was sie mir da gegeben haben. Ein Auto mit Namen ist kein Auto mehr. Ein Auto mit Namen ist jemand, der mitfährt.
Und ihr wisst, wie das läuft: Irgendwann sagt niemand mehr „der Bus". Irgendwann fragt man beim Frühstück, ob Herbie noch genug Diesel hat, und keiner am Tisch findet das komisch.
Warum überhaupt ein Bus
Das hat nichts mit Vanlife-Romantik zu tun. Ich habe ihn aus einem sehr nüchternen Grund gekauft.
In meinem alten Job hatte ich Bereitschaft. Standby, zu Zeiten, die sich kein Mensch freiwillig aussucht, an Orten, an denen ein Hotelzimmer schlicht nicht darstellbar war. Und dazu kommt etwas, das mich mein ganzes fliegendes Leben begleitet hat: Ich kann woanders nicht schlafen. Fünfundzwanzig Jahre Betten, die anderen Leuten gehören, und in keinem einzigen bin ich richtig angekommen.
Und irgendwann stellt ihr euch dann die naheliegende Frage. Was ist eigentlich besser, als sein eigenes Bett auf Räder zu stellen und überall mitzunehmen?

Das ist der ganze Ursprung, Leute. Kein Traum vom freien Leben, keine Instagram-Idee. Eine praktische Lösung für ein praktisches Problem.
Nur hat die Lösung dann etwas mit mir gemacht, womit ich nicht gerechnet hatte.
Ich habe zu Hause ein gutes Bett. Ein wirklich gutes. Und ich schlafe trotzdem draußen, weil mich Wände erdrücken. Sobald Stein um mich herum ist, legt sich etwas auf die Brust. Ich bekomme schlechter Luft, ich fühle mich unter Zwang, ohne dass irgendjemand mir etwas abverlangt. Ich kann euch das nicht vernünftig erklären. Ich kann es nur beschreiben.
In Herbie ist das weg. Sofort. Tür zu, Rollos runter, und die Welt ist draußen, aber sie ist nicht ausgesperrt. Ich liege in einer Blechhülle von zwei Metern Breite und habe mehr Platz im Kopf als in einem ganzen Haus.
Für andere ist es nur ein Auto. Für mich ist es mein Leben.
Portugal und Spanien
Es gab eine Fahrt, die alles verändert hat, und ihr habt sie hier in Teilen mitgelesen. Die will ich euch nicht vorenthalten, weil ohne sie das hier alles keinen Sinn ergibt.
Ich bin damals in keinem guten Zustand losgefahren. Ihr kennt meine Kapitel, ich muss das hier nicht noch einmal ausbreiten. Es war einer dieser Abschnitte, in denen man morgens aufsteht und nicht mehr genau weiß, wofür.
Und dann war da eine Straße, ein Bus und ein Ziel, das weit genug weg war, um etwas auszulösen. Spanien. Portugal. Wochen, in denen ich jeden Tag ein Stück weiter nach Süden gefahren bin und jeden Abend irgendwo stand, wo mich niemand kannte.
Diese Reise hat mich zurück ins Leben geholt. Das ist kein Bild, das ich mir für einen schönen Absatz ausgedacht habe. Das ist die Sache selbst. Ich bin als jemand losgefahren, der nicht mehr wusste, wie es weitergeht, und irgendwo zwischen Atlantik und Rückfahrt ist wieder etwas angesprungen.
Und versteht mich bitte richtig: Ich verdanke das nicht dem Meer. Ich verdanke das dem Fahrzeug, das mich dorthin gebracht hat und in dem ich jede einzelne dieser Nächte geschlafen habe.

Was er kann, was kein Haus kann
Ich war vor Kurzem in Berlin. Und weil ich eben nicht in einem Hotel gelegen habe, sondern irgendwo am Rand, habe ich in diesen Tagen Wildschweine gesehen. Rehe. Füchse, die zwei Meter am Bus vorbeispaziert sind, als wäre ich das Tier im Gehege.
Und es gab diese eine Nacht an einem Leuchtturm. Klarer Himmel, Mond, so viele Sterne, dass man sie nicht mehr sortiert bekommt, und alle paar Sekunden streicht dieser Lichtkegel über dich hinweg. Ich habe die Tür aufgemacht, mich hingesetzt und einfach geschaut. Das war einer der Momente, für die ich das alles mache.
Das bekommt ihr in keinem Zimmer mit Blick auf einen Innenhof. Ihr seid näher dran. An der Nacht, am Wetter, an dem, was da draußen eigentlich los ist, während alle anderen schlafen.
Und es geht noch banaler. Wir haben Freunde mit einem großen Haus, in dem für alle Platz ist. Richtige Gästezimmer, alles vorbereitet, alles herzlich gemeint. Ich schlafe trotzdem draußen im Bus. Nicht, weil ich mich zurückziehen will. Ich bin abends bis zum Schluss dabei. Aber wenn es ans Schlafen geht, gehe ich raus, weil ich weiß, dass ich am nächsten Morgen dann ein Mensch bin.

Selbst zum Drohnenseminar fahre ich mit ihm, und ja, ihr dürft das albern finden. Zwei Tage Technik und Luftrecht, und ich könnte auch ein Zimmer buchen. Mache ich aber nicht. Ich fahre hin, schlafe in meinem eigenen Bett auf dem Parkplatz und sitze am Morgen ausgeruht in dem Raum, statt um sieben Uhr mit dem Kopf gegen eine Hotelwand zu starren.
Das ist der Punkt, an dem ich merke, dass es nie um Romantik ging. Es geht um Funktionieren. Herbie ist das Ding, mit dem ich funktioniere.
Und trotzdem gebe ich ihn her
Jetzt kommt der Teil, bei dem ich mir vor euch am blödesten vorkomme.
Niemand nimmt ihn mir weg. Es gibt keinen Zwang, keine Katastrophe, keinen Brief. Ich gebe ihn freiwillig zurück. Aus Vernunft.
Ihr habt das in Kapitel 5.1 schon gelesen, und ich sage es hier noch einmal genauso deutlich: Ich hatte mit diesem Fahrzeug und mit Volkswagen über die ganze Laufzeit hinweg immer wieder Ärger. Nicht ein Mal. Immer wieder. Werkstatttermine, die kein Ende nehmen, ein Service, der einen Kunden wie mich offenbar nicht vorgesehen hat, und ein Fahrzeug, bei dem man nie ganz sicher ist, ob es diesmal durchhält. Rost hat er keinen. Der TÜV ist auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass ich mich auf das Einzige, worin ich mich sicher fühle, nicht blind verlassen konnte.
Und irgendwann rechnet ihr so etwas durch und kommt zu einem Ergebnis, das der Kopf sofort unterschreibt und das Herz ablehnt.
Es ist keine Entscheidung, die mir jemand abgenommen hat. Das macht sie nicht leichter. Das macht sie schwerer.
Wenn euch etwas genommen wird, könnt ihr wütend sein. Wut ist ein Gefühl, mit dem man arbeiten kann. Du hast einen Gegner, du hast eine Richtung.
Wenn ihr selbst unterschreibt, habt ihr das nicht. Da bleibt nur die eigene Vernunft, die dir freundlich und unerbittlich erklärt, dass sie recht hat.
Sie hat recht. Ich weiß das. Es hilft mir kein Stück.
Der sechzehnte November
Ich habe für diesen Tag ein Wort im Kopf, das ich euch ungern schreibe, weil es groß ist und ich es trotzdem nicht loswerde. Für mich ist das ein Volkstrauertag.
Ich fahre ihn nach Frankfurt. Das letzte Mal die Hände am Lenkrad, das letzte Mal dieses Brummen, das ich seit Jahren im Körper habe. Und dann stelle ich ihn auf einen Hof, auf dem noch dreißig andere stehen, und gehe rein und unterschreibe.
In dem Moment hört er auf, Herbie zu sein. Er wird ein Leasingrückläufer. Ein Stück Blech von vielen. Jemand wird ihn aufbereiten, jemand wird ihn weiterverkaufen, jemand wird irgendwann darin sitzen und nicht wissen, dass in diesem Bus mal einer gelegen hat, der ohne ihn nicht weitergewusst hätte.
Das Familienmitglied ist dann weg. So einfach ist das, und so blöd fühlt es sich an. Mehr habe ich dazu nicht.

Und weil ich mich inzwischen einigermaßen kenne, habe ich für die Zeit danach schon etwas getan. Ich verlasse Deutschland.
Nicht als Flucht. Eher als Anerkennung dessen, was da passiert. Ich weiß, dass ich hier sonst stehe, aus dem Fenster auf ein leeres Zelt vor der Garage schaue und daran kaputtgehe. Also gehe ich weg, für eine Weile, und verarbeite es dort, wo mich nichts jeden Morgen daran erinnert.
Was bleibt
Das ganze Zubehör wird über die nächsten Monate bei eBay-Kleinanzeigen landen, falls ihr etwas sucht. Träger, Kisten, all die Dinge, die ich über die Jahre zusammengekauft, angeschraubt, angepasst und wieder umgebaut habe. Das ist Material. Das geht.
Eines nicht.
Im Cockpit sitzt Sharky. Ein kleiner Wackel-Hai, den ihr auf einigen Bildern hier schon gesehen habt, ohne ihn zu bemerken. Er hat jeden Kilometer mitgewackelt. Portugal, Spanien, Berlin, jede blöde Werkstattfahrt, jede Nacht auf jedem Parkplatz.
Sharky bleibt. Er kommt mit. Und irgendwann, das hoffe ich wirklich sehr, findet er wieder ein Armaturenbrett, auf dem er stehen darf.

Was danach kommt, weiß ich nicht
Und damit ihr euch jetzt nicht auf eine schöne Auflösung freut: Es gibt keine.
Ich habe keinen Nachfolger. Kein Fahrzeug, keinen Termin, keinen Plan, den ich euch hier hinschreiben und mit einem Zwinkern beenden könnte. Ich weiß nicht, wann wieder ein Bus vor diesem Haus steht, und ich weiß nicht, von wem er sein wird. Einer von der Marke, die ich gerade abgebe, ganz sicher nicht mehr.
Vielleicht liest das ja irgendwann jemand, der Fahrzeuge baut und genug Rückgrat hat, um zu sagen: Nimm eins von unseren, fahr damit los und berichte ehrlich. Ich wäre sofort dabei. Bis dahin ist da erstmal nichts.
Und ich glaube, ich muss das aushalten, ohne es mir gleich wieder schönzumachen.
Es ist jetzt kurz nach vier. Über mir tropft es weiter auf die Plane, und ich liege immer noch hier drin.
Ein paar Wochen sind das noch, wenn ich euch das nächste Mal schreibe vielleicht nur noch zwei. Ein paar Nächte unter diesem Zelt, vor dieser Garage, in die er nie hineingepasst hat.
Wenn ihr auch gerade etwas habt, das bald nicht mehr da sein wird, und alle um euch herum sagen, dass es doch nur ein Gegenstand ist: Ihr müsst das nicht kleiner reden, als es ist. Manche Dinge tragen einen durch Jahre, in denen einen sonst nichts getragen hat. Dass sie kein Herz haben, ändert nichts daran, dass unseres daran hängt.
Für andere ist es nur ein Auto.
Für mich ist es mein Leben.
Bis dahin. Liebe Grüße, euer Dominik
Willkommen an Bord.
Die Folge zu diesem Kapitel spreche ich ein, sobald der Text steht. Sie wird hier nachgereicht.