Alltag · Kapitel 2.13 · 7. Oktober 2026

Auf Augenhöhe mit den Bergen

Eine Alm, zu der keine Straße führt. Und oben ein Mann, der mein Leben gelebt hat.

Euer Dominik, willkommen an Bord.
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Berlin war rum. Die Auftragskiste war leer, und ich stand mir mal wieder selbst im Weg, so wie ich das manchmal ganz hervorragend kann.

Ihr kennt diese Tage. Man steht morgens auf, der Kalender ist weiß, und man wartet auf ein Telefon, das nicht klingelt. Und während man wartet, wird man langsam kleiner.

Und dann passiert das, was eine Woche nach Berlin eben passiert. Man feiert Geburtstag.

Ich will euch gleich zu Anfang sagen, worauf das hier hinausläuft, weil ich es seit Tagen mit mir herumtrage. Dort oben, zwischen den Gipfeln, bin ich einem Mann begegnet, der mein Leben gelebt hat. Nicht so ähnlich. Nicht ungefähr. Dasselbe Leben, nur ein Stück weiter.

Und ich weiß bis heute nicht, ob das Zufall war oder ob mir da oben jemand etwas zeigen wollte.

Sie schenkt mir etwas zu ihrem Geburtstag

Meine Frau hatte Geburtstag. Und sie hat sich zu ihrem Geburtstag etwas gewünscht, das eigentlich meins war.

Ihr müsst wissen: Zu meinem fünfzigsten wollte ich unbedingt auf diese eine Alm über Kitzbühel. Und ausgerechnet da hatte sie geschlossen, weil zwischen den Saisons dort oben alles schläft. Ich habe das damals weggelacht, so wie man Dinge weglacht, auf die man sich gefreut hat.

Sie hat es nicht vergessen.

Man kann sich jetzt hinstellen und fragen, warum jemand einem anderen etwas zum eigenen Geburtstag schenkt. Das habe ich auch kurz gedacht. Und dann habe ich begriffen, dass das genau die Art von Geschenk ist, die man nur von jemandem bekommt, der einen kennt. Sie hat nicht mir etwas geschenkt. Sie hat uns einen Tag geschenkt, an dem ich mich nicht klein fühlen musste.

Samstagmorgen haben wir uns ins Auto geworfen. Zwanzig Grad, blauer Himmel, die Kinder hinten, und ich habe beim Losfahren gemerkt, wie etwas in mir langsamer wird. Das kenne ich sonst nur, wenn Herbie unter mir ist und die Autobahn leer.

Und ich sage euch jetzt schon: Nicht die Fahrt nach Kitzbühel war das Abenteuer. Das Abenteuer fing erst an, als die Straße aufhörte.

Es gibt keinen Weg da hoch

Zu dieser Alm führt keine Straße. Keine. Du kannst nicht hinfahren, du kannst nicht mal eben kurz vorbeischauen. Es gibt genau einen Weg hinauf, und das ist ein offener Sessellift, der dich an einer dünnen Stange über eine Wiese zieht, die unter deinen Füßen immer weiter wegfällt.

Offener Sessellift über einer Almwiese, darunter fällt der Hang steil ins Tal ab.
Es gibt keine Straße hier hoch. Nur das hier.

Für Menschen mit Höhenangst gibt es diese Alm damit nicht. Sie steht auf keiner Karte, die sie je erreichen werden.

Meine Frau hat sich trotzdem hineingesetzt.

Ich erzähle das nicht nebenbei. Sie hat extreme Höhenangst, und sie ist da eingestiegen, weil sie uns da oben hinhaben wollte.

Wir sind zu zweit auf einem Sessel gefahren, jeder von uns mit einem Kind. Sie und unser Großer vorne, mein anderer Sohn und ich ein paar Sessel dahinter.

Und genau das ist der Teil, der sich bei mir festgesetzt hat. Du sitzt hinten und siehst die beiden vor dir über der Wiese hängen, und du siehst, wie sie immer stiller wird, und du kannst nichts tun. Du kannst nicht rübergreifen. Du kannst nicht sagen, gleich sind wir oben. Du kannst nur hinschauen.

Ich weiß nämlich, wie sich das anfühlt, wenn der Körper beschließt, dass jetzt Schluss ist. Ich lebe seit Jahren mit einer Panikstörung. Der Lift selbst macht mir nichts, aber ich kenne die Stelle, an der es kippt.

Unter uns zog die Wiese weg, über uns surrte das Seil, und niemand hat etwas gesagt.

Dann kam oben die Station, und dann kam der Moment, an dem ich aufgehört habe, an irgendetwas anderes zu denken.

Auf Augenhöhe

Ihr müsst euch das so vorstellen.

Schneebedeckter Gipfel auf Augenhöhe, im Vordergrund das Geländer einer Almterrasse.
Nicht über den Bergen. Nicht unter ihnen. Daneben.

Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich von oben auf die Welt geschaut. Zehntausend Meter, Fensterplatz im Dienst, Alpen bei Sonnenaufgang, und ich habe das irgendwann gar nicht mehr gesehen. Von da oben ist alles klein. Die Berge sind Falten, die Städte sind Flecken, und man selbst ist auch nur jemand, der zufällig gerade darüber hinwegzieht.

Und dann stehst du da auf sechzehnhundert Metern, und die Berge sind nicht unter dir.

Sie sind neben dir.

Der Venediger steht gegenüber, oben weiß überzogen, und er schaut dich an wie ein Gegenüber. Nicht wie etwas, über das man fliegt. Rundherum die anderen Gipfel, alle auf gleicher Linie, als wäre da jemand mit einem Lineal durchgegangen.

Ich habe gestanden und nichts gesagt. Und das will bei mir was heißen.

Ihr wisst, dass ich sonst immer irgendeinen Spruch habe. In dem Moment hatte ich keinen. Ich habe nur gedacht: So fühlt sich das also an, wenn man nicht mehr über den Dingen schwebt, sondern mit ihnen auf einer Höhe steht. Und dann habe ich gemerkt, dass ich das nicht nur über Berge denke.

Wir haben uns auf die Terrasse gesetzt und ein Getränk genommen. Mehr nicht. Kein Programm, keine Idee, kein Nächstes. Einfach nur sitzen und schauen, wie das Licht über die Grate wandert, und dabei spüren, wie das Zeug, das man von unten mitschleppt, einfach aufhört zu drücken.

Leute, ich sage euch: Wenn ihr jemals nach Kitzbühel kommt, dann fahrt dort hoch. Und wenn ihr nur ein Getränk trinkt und wieder runterfahrt. Es lohnt sich jeder Cent, und der Weg lohnt sich sowieso.

Wo ich diesen Satz schon mal gehört habe

Und dann das Haus.

Alpine Gaststube mit offenem Feuer, Holzträgern und voller Glasfront zu den Bergen.
Offenes Feuer, altes Holz, und Sessel, die aussehen, als kämen sie aus einem Flugzeug.

Ich stand in diesem Raum und habe gebraucht, bis ich gemerkt habe, warum mir dabei so eigenartig warm und gleichzeitig so wehmütig zumute war.

In der Mitte ein offenes Feuer. Drumherum altes dunkles Holz, und an einer Seite nichts als Glas, dahinter die Berge in der Dämmerung. Stühle mit chromglänzendem Rand, die aussehen wie aus einem Cockpit. Ihr ahnt vielleicht, wo das hinführt.

Ich bin dann runter und habe mir die Toilette angeschaut. Ja, ich weiß, der alte Checker macht, was der alte Checker immer macht. Aber ich sage euch: Über ein Haus erfährt man nirgendwo so viel wie dort unten. Und dort unten stimmte alles. Sogar die Treppenstufen sind flacher und tiefer gebaut, damit man sie in Skischuhen hinuntergehen kann, ohne sich den Hals zu brechen.

Da hat jemand an einen Gast gedacht, den er nie kennenlernen wird.

Und genau da hat es bei mir eingehakt. Denn diesen Gedanken kenne ich. Liebe zum Detail. Das war bei der Lufthansa der Satz, der über allem stand, Comfort Class, First Class, warum machen wir es anders als die anderen. Ich habe diesen Satz fünfundzwanzig Jahre lang gelebt, und als ich ihn zuletzt gehört habe, war ich noch jemand anderes.

Jetzt stand ich in einer Hütte in Tirol, und da war er wieder. In einer Treppenstufe.

Ich habe damals nicht geahnt, wie nah ich schon dran war.

Der Herr an der Glaswand

Abends gab es drei Gänge, und ich erzähle euch das nur, weil ich sonst nie über Essen schreibe. Ich bin Pescetarier, es gab eine Auberginen-Lasagne, und Aubergine ist bekanntlich eine eher matschige Angelegenheit. Diese war bissfest. Fünf Sterne deluxe, mehr sage ich nicht.

Roter Sonnenuntergang über einer Alpen-Felskette, im Vordergrund ein dunkles Terrassengeländer.
Dieser Himmel. Exakt der Ton vom Lamai Beach.

Vielleicht acht Tische im Raum, getrennt durch das Feuer. Neben uns zwei Damen und ein Herr. Eine junge Frau, die allein gegessen hat. Ein Pärchen am Fenster bei Kerzenlicht. Und dahinter die Gipfel auf Augenhöhe. So stellt man sich das in einem Film vor, und es war trotzdem kein bisschen kitschig, weil es einfach echt war.

Meine Kinder saßen mit dem Kopf im Display. Auch das gehört zur Wahrheit, und ich habe aufgehört, mich darüber zu ärgern.

Dann ging draußen die Sonne unter.

Und zwar so, dass ich aufstehen musste. Ihr wisst, dass ich gerne fotografiere und die Kamera trotzdem fast nie dabei habe, also: Handy raus, ab an die Glaswand. Und während ich dort stand, wusste ich schon, dass das nichts wird. Durch Glas fotografieren funktioniert nicht.

Da sagte jemand hinter mir, draußen auf der Terrasse sei es viel schöner.

Ich wusste nicht, wer das ist. Ich bin einfach rausgegangen.

Und dann stand ich dort, und der Himmel war rot. Nicht alpenrot. Thailandrot. Es war exakt der Himmel vom Lamai Beach, derselbe Ton, dieselben kleinen Zuckerwattewölkchen, und die Sonne sank irgendwo hinter den Felsen weg.

Meine Kinder kamen raus, weil sie das auch sehen wollten, und ich habe gesagt: Erinnert ihr euch? Das sieht aus wie bei uns auf Koh Samui. Und sie haben genickt und gesagt, ja Papa, du hast recht.

Und der Herr neben mir hat zugehört.

Thailand liebe er auch, sagte er. Und dann fing er an zu erzählen, ruhig, fast ein bisschen verloren, so wie Menschen reden, wenn sie an einen Ort denken, der ihnen gehört, ohne dass sie dort wohnen.

Ich habe ihn gefragt, warum ausgerechnet Thailand. Koh Samui, sagte er. Immer wieder. Und ich dachte mir, nachdem ich dieses Haus gesehen hatte: Schublade auf, der Mann hat Geld, Schublade zu. So schnell geht das bei uns allen.

Dann sagte er in einem Nebensatz, so beiläufig, wie man vom Wetter spricht:

Er sei ja bei der Lufthansa gewesen.

Ich habe ihn unterbrochen. Ich auch, habe ich gesagt. Dann sind wir ja Ex-Kollegen.

Und da ist etwas aufgegangen zwischen uns zweien, das ich schwer beschreiben kann. Zwei Männer auf einer Terrasse, die sich zehn Minuten vorher nicht kannten, reden plötzlich über dieselben Flughäfen, dieselben Jahre, dieselbe Firma.

Zweitausendvierzehn, erzählte er, habe er dieses Gebäude kaufen können. Seitdem baue er daran.

Und dann kam der Satz, bei dem ich still geworden bin.

Nach fünfundzwanzig Jahren sei er fluguntauglich geworden.

Leute. Ich stand da auf dieser Terrasse, der Himmel noch rot, und in mir ist etwas umgekippt. Da haben wir das nächste gemeinsam, habe ich gesagt, und ich habe gehört, wie meine Stimme anders klang. Nach knapp fünfundzwanzig Jahren bin ich auch fluguntauglich geworden.

Ich musste dann zurück an den Tisch. Nachspeise, Familie, der Abend lief weiter.

Aber er kam noch einmal. Fragte, wie lange ich geflogen sei. Knapp fünfundzwanzig Jahre, habe ich gesagt. Und dann kamen wir auf irgendetwas anderes, ich weiß beim besten Willen nicht mehr worauf, und es ärgert mich bis heute, dass ich diesen Moment nicht genauer behalten habe. Denn mittendrin sagte er:

Vorher sei er bei Condor gewesen.

Und da habe ich losgelacht. Richtig laut, mitten im Raum.

Das gibt es nicht, habe ich gesagt. Das gibt es einfach nicht.

Erst Condor. Dann Lufthansa. Nach fünfundzwanzig Jahren am Boden.

Das ist nicht ähnlich. Das ist mein Lebenslauf, Wort für Wort, nur dass er ihn ein paar Jahre vor mir durchlebt hat. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht einen einzigen Menschen getroffen, bei dem das so ist. Und ich finde ihn ausgerechnet auf einem Berg, auf den keine Straße führt, an einem Abend, an dem ich runtergezogen hochgefahren bin.

Mir ist die Gänsehaut hochgekrochen. Sie kommt heute wieder, während ich das hier schreibe.

Später, bevor wir hochgegangen sind, kam er noch einmal zu uns an den Tisch. Und da hat er es gesagt: Ihm gehöre das Ganze hier. Nikolaus Gasteiger.

Er hat sich verabschiedet wie jemand, der Zeit hat. Er fahre jetzt runter, sagte er, sie kommen mit einem Geländewagen rauf und runter, nur die Gäste nicht. Er wohne unten. Und da er morgen wahrscheinlich nicht mehr da sei: gute Zeit noch und danke für den Abend.

Und wisst ihr, was mich an diesem Abend am meisten umgehauen hat? Nicht die Aussicht. Nicht das Haus. Nicht mal der Zufall.

Es war der Mensch. Dass einer, der all das hier hat, sich hinstellt und mit einem Fremden redet, als hätte er nichts Besseres vor. Dass er zugehört hat. Dass er gefragt hat.

Ich habe die letzten Jahre oft das Gefühl gehabt, unsichtbar geworden zu sein. An diesem Abend war ich es nicht.

Die Nacht, in der ich meinem alten Leben zugehört habe

Und dann kam die Nacht, und die war mies, und sie hatte eine Pointe, über die ich immer noch nicht ganz lachen kann.

Die Berge in diesem Tal funktionieren wie ein Verstärker. Wie eine Membran, wie ein Lautsprecher, der rundherum steht. Und genau über dieses Tal führt ein Flugkorridor.

Die ganze Nacht Flugverkehr. Egal wie hoch die Maschine war, der Hall hat sie heruntergeholt und breit gemacht. Unten im Ort merkt man davon vermutlich überhaupt nichts. Oben liegst du im Dunkeln und hörst es.

Ihr müsst euch vorstellen, was das mit einem macht.

Fünfundzwanzig Jahre lang war ich das Geräusch. Ich war der, über den sich andere beschwert haben, wenn sie nachts das Fenster aufhatten. Und jetzt liege ich auf sechzehnhundert Metern in einem fremden Bett und höre mein altes Leben über mich hinwegziehen, eine Maschine nach der anderen, und keine davon nimmt mich mit.

Geschlafen habe ich nicht. Das kennt ihr von mir, ich schlafe sowieso schlecht, wenn ich nicht in meinem eigenen Bett liege. Alle anderen haben geschlafen.

Am Morgen war schon wieder Abreisetag, und es gibt genau einen Punkt, der mir nicht gepasst hat: das Frühstück war lieblos. Es hat an nichts gefehlt, ich will nichts erfinden. Es stand einfach ein Buffet da, um das sich erst mal niemand gekümmert hat. Zwei junge Ungarinnen, die dort arbeiten, haben das mit viel Herzlichkeit aufgefangen, und ich mochte die beiden sofort.

Aber zu diesem Haus hat es nicht gepasst. Und genau deshalb ist es mir aufgefallen. Wo sonst alles mit so viel Liebe gemacht ist, sieht man die eine Stelle, an der sie fehlt.

Und dann kam er noch einmal den Berg hoch.

Er hätte sich abends noch Gedanken gemacht, sagte er. Wie unwahrscheinlich das sei. Einen Menschen zu treffen, der eins zu eins dasselbe erlebt hat.

Wir haben dann noch lange geredet, über alles Mögliche, und ich bin da gestanden und habe gedacht: Der ist extra noch mal raufgefahren. Für ein Gespräch.

An dieser Stelle möchte ich mich bei Nikolaus Gasteiger bedanken. Es war mir ein Vergnügen, und ich würde mich wirklich freuen, wenn man in Kontakt bleibt. So etwas passiert einem nicht zweimal.

Und wenn ich ehrlich bin: Ich habe ihn beneidet. Nicht um das Haus. Um die Ruhe.

Vielleicht steht mein Haus ja irgendwann irgendwo in Thailand, so wie seines über Kitzbühel steht. Das ist mein Wunsch, und ich spreche ihn hier zum ersten Mal laut aus. Nur sind bei mir die dunklen Geister und der schwarze Hund immer noch das größte Hindernis zwischen mir und dieser Vorstellung.

An diesem Morgen war das Hindernis kleiner als sonst.

Runter, und eine alte Liebe, die es nicht mehr gibt

Die Einzige, die in dieser Nacht noch schlechter dran war als ich, war meine Frau. Nicht wegen der Flugzeuge. Wegen des Rückwegs.

Kühe am Rand eines Wanderwegs auf einer Almwiese, dahinter das Tal von Kitzbühel.
Am nächsten Morgen, auf dem Weg nach unten.

Sie hat die ganze Nacht wach gelegen mit dem einen Gedanken, dass sie da wieder runter muss. Und morgens hat sie gesagt, sie geht zu Fuß. Mein Großer ist mit ihr gegangen, bis zur Mittelstation. Körperlich ist er der Kleinere. In allem anderen ist er der Größte.

Ich finde das übrigens bemerkenswert, und ich sage es hier, weil ich es ihr nicht oft genug sage: Sie ist am Vortag in diesen Lift gestiegen, obwohl sie wusste, was das mit ihr macht. Für uns.

Mein anderer Sohn und ich sind mit der Bahn runter, ohne Mucks, ohne Mack, und haben dabei gelacht, als wäre das hier ein Freizeitpark. Unten ins Auto, wieder hoch zur Mittelstation, den beiden entgegen. Wir haben unterwegs noch ein paar Kühe kennengelernt und uns ausführlich muhend über die Weidesituation unterhalten. Das war ein Spaß, und ich finde, so ein Spaß darf auch mal in einen Blogbeitrag.

Und dann waren wir bei Rosi.

Leute, jetzt kommt der Teil, der mir wehtut, und ich schreibe ihn trotzdem.

Ich habe meine Frau kennengelernt, und irgendwann in dieser Anfangszeit saßen wir zusammen bei Rosi. Ich kenne dieses Haus seit dreißig Jahren. Für mich ist das kein Ausflugsziel, das ist ein Ort, an dem ein Stück von meinem Leben liegt.

Und diesmal bin ich dort gesessen und habe mich geschämt.

Aus dem warmen, typisch österreichischen Treffpunkt ist ein Schuppen für Leute mit Geld geworden. Vor der Tür nur Porsche. Drinnen nur Zurschaustellung. Als wir um halb zwölf einen Kaiserschmarrn wollten, hat man uns unfreundlich erklärt, den gebe es erst ab zwölf.

Ein Kellner fand dann die Musik besonders schön und hat sie so laut gedreht, dass man sich am eigenen Tisch anschreien musste. Zwanzig Minuten winken, bis jemand kommt. Und dann kommt einer mit vollem Mund angeschlendert und sagt kauend, das gehe so nicht.

Ich habe da null Toleranz, und ich sage euch auch, warum. Ich habe fünfundzwanzig Jahre lang auf der anderen Seite gestanden und Menschen bedient. Ich weiß, was es kostet, freundlich zu sein, wenn man müde ist. Es kostet nichts.

Und ich möchte, dass ihr das wisst, bevor ihr hinfahrt. Die Leute kommen dort hoch und erwarten genau dieses Warme, dieses Österreichische. Und sie bekommen es nicht mehr.

Ich glaube ehrlich, dass dieses Gefühl einfach den Berg hochgewandert ist. Von Rosi hinauf zur Bichlalm. Oben hat es jetzt jemand, und unten fehlt es.

Mir ist dann der Kragen geplatzt. Ich bin raus, habe das Auto geholt, die anderen mussten zahlen. Aber mein Sohn wollte diesen Kaiserschmarrn, und einen Wunsch wie den schlägt man einem Kind nicht ab, nur weil der Vater schlecht gelaunt ist. Also sind wir zwanzig Minuten weitergefahren, zu einem Haus, in dem ich an meinem Geburtstag war. Die Wirtsfamilie saß selbst am Tisch gegenüber. Es war in Ordnung. Ein bisschen überlaufen, ein bisschen zu sehr Magnet, aber in Ordnung. Und mein Sohn hat seinen Kaiserschmarrn bekommen.

Ein Stück Thailand, mitten in München

Und dann hatte ich an diesem Tag noch einen Wunsch, und der war nicht vernünftig.

Thailändisches Streetfood-Lokal in einer Industriehalle, Plastikstühle und Lampions.
Thailand in mini, mitten in München.

Mein Herz schlägt für Thailand, ihr wisst das. Und an diesem Nachmittag, nach diesem Himmel am Abend vorher, nach diesem Gespräch, war das Heimweh plötzlich wieder da. Nicht Heimweh nach einem Urlaub. Heimweh nach einem Gefühl.

Also sind wir nach München gefahren, ins Werksviertel, in einen Thai in der Atelierstraße. Khanittha heißt er. Und das ist kein Restaurant, das ist eine Enklave.

Plastikstühle ohne Lehne, lange Tischreihen, Lampions, Schirme, Neon, eine offene Küche, aus der es dampft. Du setzt dich hin, und für eine Stunde bist du auf einem Nachtmarkt. Das Essen schmeckt wie dort. Der Service ist herzlich wie dort.

Ich habe gegessen und dabei an diesen roten Himmel gedacht, und an einen Mann, der denselben Himmel liebt wie ich.

Tipp, topp, topp. Thailand in mini, mitten in München.

Abends sind wir wohlbehalten nach Hause gekommen.

Was ich mitgenommen habe

Wir haben einen wunderschönen Geburtstag gefeiert. Für Geist, für Seele und für den Körper waren wir an genau den richtigen Orten. Auch wenn der eine zu wenig geschlafen hat und die andere eine Nacht lang Angst vor dem Rückweg hatte.

Aber das ist nicht das, was geblieben ist.

Geblieben ist ein Mann auf seinem eigenen Berg.

Erst Condor. Dann Lufthansa. Nach fünfundzwanzig Jahren hat ihm jemand gesagt, dass er nicht mehr fliegen darf. Genau wie mir. Und er ist nicht daran zerbrochen, sondern hat sich etwas gebaut, in dem so viel Liebe zum Detail steckt, dass es mich an das Beste erinnert, was ich an meinem alten Leben hatte.

Ich bin an diesem Wochenende mit leeren Händen hochgefahren. Ohne Aufträge, ohne Plan, ohne besonders viel Zutrauen.

Und oben saß einer, der dieselbe Geschichte hat wie ich und zwanzig Jahre weiter ist.

Wenn ihr gerade da steht, wo euch jemand gesagt hat, dass es so nicht weitergeht, dann nehmt bitte das hier mit. Nicht als Spruch, sondern weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe: Es gibt Leute, die haben denselben Satz gehört wie ihr. Und sie sitzen heute auf sechzehnhundert Metern und schauen den Bergen ins Gesicht.

Nicht von oben.

Auf Augenhöhe.

Das war mein Alltag. Mal die schöne Seite davon.

Und der Explorer in mir hört einfach nicht auf.

Bis dahin. Liebe Grüße, euer Dominik

Willkommen an Bord.

Zwischen Himmel und Erde · Podcast

Die Folge erscheint am Mittwoch um 20 Uhr und steht dann hier.

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