
Shanghai Neon Nights
Shanghai wird Film
Tag 2
begann bei mir wie Jetlag eben beginnt: viel zu früh. 04:00 Uhr, Shanghai schon wach, ich noch irgendwo zwischen zwei Zeitzonen. Ich lag noch eine Weile im Bett und hab versucht, mich nicht verrückt zu machen, aber irgendwann kam dieser Punkt, an dem ich wusste: Wenn ich jetzt nicht rausgehe, frisst mich der Tag von innen auf. Also raus. Und wieder dieses kleine Ritual: Kaffee als Anker. Starbucks als sicherer Hafen, weil er überall gleich schmeckt, wenn innen gerade alles anders ist.
Nach meinem Kaffeeritual ging’s los Richtung Shanghai Science & Technology Museum Station – Line 2, Pudong, dieser Punkt auf der Karte, der auf dem Papier nach „Museum“ klingt und in Wahrheit nach „Unterwelt“. Und genau dort passiert Shanghai wirklich in einer einzigen Rolltreppe: oben Zukunft, Glas, Tempo. Unten Realität, Neon, Stimmen, Deals. Du fährst runter – und plötzlich stehst du mitten in diesem berühmten Underground-Market, A.P. Plaza, wie ein Labyrinth aus schmalen Gängen, kleinen Boxenläden und Blicken, die dich scannen, noch bevor du selbst weißt, wonach du eigentlich suchst. Es riecht nach Kunstleder, Stoff, ein bisschen Staub, ein bisschen Parfüm. Und überall dieses Summen aus „my friend“, Taschenrascheln, Taschenrechnertippen, Lächeln, das gleichzeitig Einladung und Verhandlung ist. Ich wollte wirklich nur mal „kurz schauen“. Nur gucken. Nur einmal einen Gang runter. Zehn Sekunden später hatte ich gefühlt schon eine Tasche in der Hand, eine Verkäuferin neben mir, und irgendein Typ drückte mir mit einem Grinsen einen Taschenrechner hin, als wäre das jetzt mein Bewerbungsgespräch fürs Shanghai-Leben. Und ich stand da, mit meinem Kaffee-Optimismus von vorhin, und dachte nur: Dominik… du bist so verloren.
Du findest da wirklich alles. Taschen, Koffer, Uhren, Schuhe, Stoffe, Jacken, Technik-Zubehör, Sonnenbrillen – und dann noch dieses ganze Zeug, von dem du vorher nicht mal wusstest, dass man es überhaupt braucht. Man läuft, bleibt stehen, schaut – und allein dieses Schauen wird hier schon als Gespräch verstanden.
Sobald dein Blick eine Sekunde zu lang an einem Produkt hängen bleibt, bist du drin. Mir ist das bei einer Uhr passiert – ich hab wirklich nur kurz rüber geschielt – und zack, wurde mir in drei Sekunden erklärt, warum genau dieses Modell „best quality“ ist, warum heute „special price“ gilt, und warum ich eigentlich nicht gehen darf, bevor ich nicht zumindest „one good deal“ gemacht habe. Ich hab gelächelt, „No thank you“ gesagt, zwei Schritte rückwärts gemacht… und hatte im selben Moment schon das nächste „Hello my friend“ im Ohr.
Shanghai lässt dich nicht einfach wieder aus dem Spiel raus. Es setzt dich nur an den nächsten Tisch. Und dann merkst du, wie die Stadt tickt: Dein „Nein“ ist hier nicht das Ende. Dein „Nein“ ist der Anfang. Ein freundliches Pingpong aus Preisen, Gesten, Taschenrechnern, Lachen. Du sagst „zu teuer“, sie lächeln, tippen etwas ein, ziehen dich ein Stück weiter rein, zeigen dir „better quality“ – und plötzlich stehst du in einem Laden, in dem du dich fragst, wie du überhaupt dort gelandet bist. Irgendwann saß ich tatsächlich da, auf so einem kleinen Hocker, der aussah, als hätte er schon hundert müde Touristen getragen. Vor mir ein Taschenrechner. Neben mir Sabine, die nur kurz die Augenbraue hochgezogen hat, so nach dem Motto: „Na? Wer wollte nur gucken?“ Und ich hab mich dabei ertappt, wie ich selber anfangen wollte, Preise einzutippen, als wäre ich plötzlich Teil des Systems. Das ist das Gemeine: Du willst dich abgrenzen – und nach fünf Minuten spielst du mit. Und genau da liegt dieses Shanghai-Gefühl: Du musst nicht hart werden.
Aber du musst klar sein. Freundlich bleiben, humorvoll bleiben, aber innerlich stabil. Und wenn du’s richtig machst, gehst du am Ende nicht nur mit irgendeiner Tüte raus, sondern mit einer Story. Mit einem kleinen „Ich war da“-Erlebnis, das du nicht kaufen kannst.
Irgendwann am Nachmittag brauchten wir Luft. Und genau da wollte ich nicht nur „Shoppen und wieder zurück“, sondern auch einmal kurz dieses alte Shanghai spüren. Wir sind rüber Richtung Old City, in die Gegend um den Yu Garden. Und plötzlich wird’s leiser. Pagodendächer, rote Lampions, enge Gassen, diese typischen Dachkanten, die aussehen, als hätten sie Geschichten gespeichert. Du läufst da durch und merkst: Shanghai ist nicht nur Glas und Skyline. Shanghai ist auch Tradition, Chaos, Handwerk, kleine Tempel-Ecken und diese ganz eigene Ästhetik, bei der alles gleichzeitig alt und lebendig ist.
Am Abend dann Teppanyaki. Für mich ehrlich gesagt ein Highlight. Nicht nur wegen dem Essen, sondern wegen dem Moment. Diese Tischplatte, die Show, Feuer, Messer, dieses Entertainment direkt vor dir – und gleichzeitig dieses Crew-Life-Gefühl, wenn alle zusammensitzen, erzählen, lachen, vergleichen, was man tagsüber erlebt hat. Für mich gab’s endlich wieder eine Auswahl, die funktioniert: Shrimp, Muscheln, Fisch, ein bisschen Gemüse. Und es war einfach schön, dieses „Wir sind zusammen unterwegs“-Gefühl zu haben, das man als normaler Tourist so oft gar nicht bekommt.
Tag 3
war dann ein klassischer „rein in die Stadt“-Tag. Wieder Kaffee, wieder kurz sammeln, und dann raus. Nanjing Road ist keine Straße, Nanjing Road ist ein Strom. Du steigst irgendwo ein und wirst mitgezogen: Menschenmassen, Licht, Schilder, Shops, Geräusche, Snacks, alles gleichzeitig. Und irgendwann merkst du, dass Shanghai dir hier einfach seine Energie zeigt, ohne sich dafür zu entschuldigen. Abends wirkt das Ganze nochmal stärker, weil die Stadt dann aus „Einkaufsstraße“ eine Bühne macht.
Später sind wir noch in die French Concession, einfach zum Laufen, zum Atmen. Und dort fühlst du plötzlich etwas, das ganz anders ist als Nanjing Road: breitere Straßen, Bäume, alte Villenfassaden, Cafés, dieses „Shanghai mit einem Hauch Europa“-Gefühl. Und dann stehst du irgendwann an einer Ecke, die du aus tausend Reels kennst: Wukang Road, dieses ikonische Gebäude an der spitzen Kreuzung, wo alle kurz stehen bleiben, ein Foto machen, weiterziehen. Ich hab’s verstanden. Nicht weil’s „Touristenprogramm“ ist, sondern weil dieser Ort so wirkt, als wäre er absichtlich gebaut worden, damit Menschen kurz innehalten. Und ganz ehrlich: Ich war nicht nur zum Schlendern hier. Ein Teil von mir hatte eine ganz klare Mission. Ich bin auch nach Shanghai gekommen, weil ich unbedingt in den DJI Store wollte – nicht aus Spielerei, sondern weil ich für Luftraumwerk und meine nächsten Videoprojekte weiter aufrüsten wollte. Neues Equipment, Zubehör, Kleinkram, der am Ende den Unterschied macht, wenn du draußen drehst und funktionieren musst. Genau deshalb sind wir da auch hingegangen: nicht nur, um Shanghai zu sehen – sondern um ein Stück Zukunft für meine Arbeit mitzunehmen.
Am Abend waren wir dann nur zu dritt essen – ganz ruhig, ganz normal, genau das Gegenteil von diesem Shanghai-Dauerpuls, der tagsüber so gnadenlos durchzieht. Und irgendwie hatte dieser Abend noch eine zweite Ebene, weil wir dafür in eine Gegend gefahren sind, die für mich wie ein kleiner Zeitsprung war: in die Nähe vom alten Crew-Hotel. Dem Hotel, in dem wir früher untergebracht waren, als ich noch aktiv geflogen bin. Ein Ort, der eigentlich nur „Unterkunft“ war – und der heute plötzlich Erinnerung ist.
Wir saßen zu dritt, ohne Crew-Trubel, ohne große Gruppe, ohne Programm. Einfach essen, reden, kurz runterkommen. Und während ich da saß, habe ich gemerkt, wie seltsam das ist: Früher war das hier Alltag. Früher war das „wir sind halt wieder in Shanghai“. Und heute sitzt du da und merkst, wie weit du eigentlich schon weg bist – und wie nah es sich trotzdem noch anfühlt. Vielleicht war genau das das Schöne an diesem Abend. Nicht spektakulär. Nicht Instagram. Sondern ehrlich. So ein kleiner Ruhepunkt, bevor der Kopf wieder weiter rennt. Und ich mochte das. Weil nach so einem Tag die Stadt im Kopf weiterläuft, wenn man sie nicht kurz runterdreht.
Tag 4
war mein persönlicher Nerd-Tag. Jeder der mich kennt, weiß wenn irgendwo „Kameras“ und „Equipment“ mitschwingen, bin ich verloren. Also ging’s in diese riesige Photographic Equipment City, diese Kamera-Mall, wo du dich als Foto- oder Videomensch fühlst wie ein Kind in einem Süßigkeitenladen. Bodies, Objektive, Zubehör, alles da. Und du denkst dir: Ich schau nur kurz – und plötzlich sind eineinhalb Stunden weg, weil du in irgendeiner Vitrine versinkst.
Und dann wollte ich Shanghai nochmal richtig sehen. Pudong. Skyline. Oriental Pearl Tower. Dieses Wahrzeichen, das man hundertmal gesehen hat – und wenn du dann davorstehst, merkst du: Ja, okay. Das ist schon Shanghai. Aber der Moment kam für mich erst am Abend: The Bund, Blue Hour. Dieser Zeitpunkt zwischen Tag und Nacht, wenn der Himmel tiefblau wird und die Lichter der Skyline gerade anfangen zu brennen, als würde jemand die Stadt von innen anzünden. Bund-Fassaden im Rücken, Pudong vor dir, der Fluss dazwischen – und plötzlich wirkt alles gleichzeitig: Vergangenheit, Zukunft, und du mittendrin als kleiner Punkt mit sehr großem Blick. Viele machen dann noch eine Flussfahrt, weil du Bund links und Pudong rechts in Bewegung bekommst. Ich war ehrlich gesagt schon glücklich, einfach nur zu stehen. Shanghai hat mich da nicht unterhalten – es hat mich kurz still gemacht.
Nach meiner Tour am Bund war da dieser Moment, in dem ich innerlich schon leise „Tschüss“ gesagt habe. Nicht dramatisch, nicht groß – eher so, wie ich Abschiede eben mache: still. Ich stand da noch einmal mit Blick auf die Skyline, hab es in mich reingespeichert, und während die Lichter von Pudong weitergebrannt haben, wusste ich: Das war’s für dieses Kapitel. Shanghai bleibt laut, aber mein Kopf wurde auf einmal ruhig. Dann zurück ins Hotel. Nicht, weil ich keine Lust mehr gehabt hätte – sondern weil der Crew-Rhythmus gnadenlos ist: In kürzester Zeit war Pick-up. Und auch wenn ich offiziell kein aktives Crew-Mitglied mehr bin, war ich in diesem Moment wieder mitten drin. Koffer, Lobby, kurze Blicke, dieses typische „Wir müssen jetzt“. Und dann rein in den Crewbus, zurück Richtung Flughafen. Diese Fahrt hat immer etwas Eigenes: Es wird leiser als sonst, weil jeder schon halb im nächsten Schritt hängt. Und diesmal war’s zusätzlich speziell, weil wir ein paar kranke Kolleginnen und Kollegen dabei hatten. Man merkt dann sofort: Das ist nicht nur Reisen, das ist auch Belastung. Und trotzdem funktioniert das System.
Am Flughafen ging alles seinen Lauf. Boarding, einsteigen, wieder dieses vertraute Gefühl, wenn du durch die Türen gehst und der Körper automatisch weiß, wie man sich in so einem Flugzeug bewegt. Die kranken Kollegen sind dann in der Business Class untergebracht worden, damit sie Ruhe haben – und ich hatte wieder dieses unfassbare Glück, das ich kaum glauben konnte: Für mich war dieser Rückflug überraschend „Premium für die Seele“. Ich hatte Platz, ich hatte Ruhe, ich konnte mich zurückziehen und richtig abschalten. Der Rückflug sollte knapp 13 Stunden dauern – und ich hatte wirklich diesen Riesenerfolg: Ich habe elf Stunden am Stück geschlafen. Elf. Stunden. Ich weiß nicht, wann ich das das letzte Mal geschafft habe, aber es war genau das, was ich gebraucht habe. Nicht nur körperlich, sondern auch innerlich. Als hätte mein System einmal tief ausgeatmet. Und so bin ich am Ende nicht nur einfach zurückgeflogen. Ich bin erholt zurückgekommen. Gesund. Mit einem Abschied im Herzen, der sich endlich wie ein Abschied anfühlt – und mit diesem stillen Gefühl, dass etwas in mir jetzt ein bisschen leichter ist als vorher.
Das war mein letzter Trip nach China.
Danke fürs Mitlesen.
Danke fürs Zuhören.
Und wir sehen uns im Mai im nächsten Teil wieder auf meiner Reise. Wo es hingeht? Das steht noch offen. Ein bisschen Geheimnis muss bleiben.
Euer Dominik
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