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Kapitel 3.13

Der Abschiedsflug – China – Shanghai

Der Abschiedsflug, den ich nie hatte

Manchmal passieren Reisen nicht, weil man sie monatelang am Reißbrett plant – sondern weil das Leben plötzlich eine Tür aufstößt und sagt: „Komm. Jetzt. Genau jetzt.“ Und genau so war es diesmal.

Nach meinem kurzen Boxenstopp in Deutschland spürte ich es: Da wartet noch ein Kapitel auf mich. Nicht das Meer von Thailand, nicht der Staub des Vanlifes – sondern der absolute Kontrast. Groß. Laut. Kulturell fordernd. Und emotional… schwierig. Denn diese Reise führte mich zurück an einen Ort, den ich lange nur als „Job“ abgespeichert hatte: die Fliegerei.

Ihr wisst es: Ich war knapp 25 Jahre bei Lufthansa. Und mein Ausstieg damals war eher ein Schnitt als ein sauberes Ende. Es gab nie diesen klassischen Abschiedsflug. Kein letztes „Crew, wir sehen uns“, kein letzter Galley-Geruch, kein sattes Klack beim Schließen der Flugzeugtür – kein Moment, in dem man innerlich wirklich „Tschüss“ sagt.

Mein letzter Einsatz damals war Dubai. Und das Entscheidende ist: Mir war in dem Moment gar nicht bewusst, dass das mein letzter sein würde. Es fühlte sich an wie „ein ganz normaler Umlauf“ (also ein kompletter Einsatz mit Hinflug, Hotel, Rückflug) – und genau dadurch ist das Ganze in mir nie richtig angekommen. Weil man etwas erst verabschieden kann, wenn man weiß, dass es endet. Bei mir war es eher so: Das Kapitel war plötzlich zu, aber ich hatte noch nicht mal die Seite umgeblättert.

Und ja… genau deshalb habe ich nie wirklich diesen mentalen Abschluss gefunden. Selbst jetzt, Jahre später, hat es manchmal noch an mir genagt – nicht laut, nicht dramatisch, eher wie ein leiser Restton im Hintergrund. Immer dann, wenn irgendwo ein Flughafen-Geräusch durch mein Leben läuft: Rollkoffer auf Fliesen, eine Durchsage, dieses Summen kurz vorm Boarding. Dann ist es sofort wieder da.

Und genau deswegen kam diese Reise nach Shanghai so gelegen. Weil sie sich angefühlt hat wie eine späte Chance. Wie ein nachgereichter Schlussakkord. Nicht, um zurückzugehen – sondern um mit etwas endgültig abzuschließen, das bei mir zu lange offen geblieben ist.

Dienstplan

Dann kam diese Nachricht – nicht bei mir als „Dienstplan“, sondern als kleine Erinnerung aus einer Welt, die eigentlich schon hinter mir liegt: „Hey Dominik, der neue Dienstplan ist da.“

Und in diesem Satz steckte plötzlich so viel mehr als nur ein Arbeitsplan. Das war der Moment, in dem ich gemerkt habe: Ich bin zwar offiziell raus aus der Fliegerei – aber ein Teil von mir kennt diese Sprache noch in- und auswendig. Dienstplan. Umlauf. Zeiten. Hotel. Crewbus. Diese Wörter sind wie ein Code. Und wenn ihn jemand ausspricht, öffnet sich in mir sofort eine Tür.

Sabine und Per hatten ihren neuen Dienstplan bekommen – und zwischen all den Flügen und Zeilen stand da eben auch Shanghai. Ein längerer Einsatz. Freitag hin, Mittwoch zurück. Und dann kam von ihnen dieses Angebot, das mich wirklich getroffen hat – auf die beste Art: „Wir hätten da was für dich… Komm doch mit.“

Danksagung

Und ich will das hier bewusst sagen: Danke. Von tiefstem Herzen, liebe Sabine und lieber Per. Für diese Einladung. Für dieses Vertrauen. Für dieses „Du gehörst da immer noch irgendwie dazu“, obwohl mein Namensschild längst nicht mehr an einer Uniform hängt.

Sabine und Per sind für mich nicht einfach „Freunde“. Wir haben uns über die Fliegerei kennengelernt, ja – erst waren wir Fliegerbekannte, dann Kumpel, und irgendwann ist daraus etwas geworden, das sich nicht mehr nach „Crew-Life-Bekanntschaft“ anfühlt, sondern nach echter, tiefer Verbindung. Ehrlich. Warm. Unaufgeregt. Und genau deshalb war dieses Angebot nicht nur ein Trip – es war wie eine Hand, die sagt: Komm, wir schließen das gemeinsam für dich ab.

Freitag hin, Mittwoch zurück. Und diese Frage, so unschuldig wie gefährlich: „Kommst du mit?“ Und ganz ehrlich… sowas lässt sich ein Dominik nicht entgehen. Nicht der Reise-Junkie. Nicht der Explorer. Nicht der Typ, für den Reisen nicht Luxus ist, sondern Lebensgefühl. Wenn das Leben dir so eine Tür hinhält – mit genau diesen Menschen an der Seite – dann gehst du da durch. Ohne lang zu zögern.

Es war kurz vor dem chinesischen Neujahr. Dieses „Alles auf Anfang“-Gefühl lag schon in der Luft – als hätte die Welt selbst gerade Lust auf einen Reset. Ich habe vorher diesen digitalen Einreisekram erledigt, Online-Entry-Card, alles durchgeklickt, abgesendet, kurz gehofft, dass ich nichts aus Versehen falsch angeklickt habe – und dann war da wieder dieses alte Gefühl: Flughafen. Rollen der Koffer. Durchsagen. Menschen, die irgendwohin müssen, als wäre „irgendwohin“ die wichtigste Sache der Welt.

Und ich musste schmunzeln, weil es so absurd ist: Früher war Fliegen für mich wie Zähneputzen. Heute brauche ich, der Ex-Profi, erst mal die richtigen Medikamente, um mich „einzustellen“. Es ist wie ein altes Lied: Ich kenne jede Zeile – aber die Stimme zittert beim ersten Refrain. Und trotzdem singe ich mit, weil ich spüre: Das hier ist nicht nur ein Trip. Das ist eine kleine Rückkehr. Und vielleicht auch eine kleine Heilung.

Und dann war es da: Crew-Life. Ein Mikrokosmos, den man kaum erklären kann, wenn man nicht Teil davon war. Ein Paralleluniversum aus Uniformen, Insider-Witzen und diesem speziellen Galgenhumor, der nur entsteht, wenn man gemeinsam Jetlag, Turbulenzen, lange Einsätze und diese ganz eigene Mischung aus Verantwortung und Müdigkeit übersteht. Du bist in einer fremden Stadt – und gleichzeitig irgendwie zu Hause, weil Abläufe, Gesten, Blickkontakt und Timing vertraut sind. Das ist das Verrückte an Crew-Life: Du lebst international, aber im System.

Dank meiner Freunde durfte ich wieder hinter die Kulissen – Cockpit, Galley, das ganze vertraute Crew-Life-Gefühl. Und ich sag’s euch: Ich hatte diesmal einen Platz, der sich angefühlt hat wie ‚Premium für die Seele‘. Ich konnte mich hinlegen, wegdösen, richtig durchschlafen… und ich weiß nicht, wann ich zuletzt so entspannt aus einem Langstreckenflug ausgestiegen bin. Fast schon unverschämt angenehm.

Der Flug sollte knapp 11 Stunden dauern, zog sich aber. De-Icing in Deutschland hat ewig gedauert – und das Wetter war so ein typischer „Wir machen das jetzt trotzdem“-Mix. Dazu kommt diese Weltlage, die heute selbst Flugrouten verändert. Früher war vieles Routine. Heute ist vieles Rechnen, Umplanen, Ausweichen. Und trotzdem: Ich lag da, hab geschlafen, bin aufgewacht, hab wieder geschlafen – und irgendwo dazwischen hat mein Inneres leise gesagt: Das ist dein Abschiedsflug. Auch wenn er offiziell keiner ist.

Landung in Pudong.

Und Überraschung: Immigration war easy. Digital, schnell, keine Schlangen. Während wir in Europa gefühlt noch Formulare streicheln, scannen die Chinesen dich einfach durch – zack, weiter. Und danach direkt in den Crewbus. Dieses rollende Klassenzimmer. „Wer ist wo geflogen?“, „Wie war das Wetter?“, „Wie voll war’s?“. Dieses Geschnatter ist wie ein vertrautes Parfüm – es triggert sofort Erinnerungen, ob du willst oder nicht.

Im Hotel holte uns allerdings die Realität ein. Trauerfälle im Kollegenkreis, Krankheitsausfälle an Bord. Crew-Life ist eben nicht nur Glanz und Glitzer. Manchmal heißt es einfach: funktionieren. Und trotzdem mitfühlen. Und trotzdem da sein. Gerade da.

Der Abend endete beim Chinesen. Und ich sag’s direkt: Als Pescetarier ist Shanghai ein Endgegner. Wer an die 500-Seiten-Bibel vom „Chinesen um die Ecke“ denkt, liegt falsch. Hier gibt es Fleisch, Fleisch – und vielleicht etwas Reis. Fisch ist rar, Gemüse eher Deko. Und ich saß da, zwischen Jetlag und Essstäbchen, und hab gemerkt: Nicht alles ist romantisch. Manches ist einfach nur echt. Und ehrlich gesagt… genau das mag ich inzwischen. Weil es mich zwingt, nicht zu konsumieren, sondern zu erleben.

Zurück ins Hotel. Licht aus. Und ich lag da und hatte dieses seltsame Gefühl, das man nur hat, wenn man etwas wieder berührt, das früher Alltag war: Ich bin zurück – aber ich bin nicht mehr derselbe. Und genau da, zwischen Hotelkissen und dem leisen Summen einer Stadt, die nie komplett still wird, wusste ich: Das ist mehr als ein Kurztrip. Das ist ein Punkt im Satz. Vielleicht sogar ein Komma, das ich viel zu lange vergessen habe.

Kleiner Life-Hack zum Schluss

(wirklich wichtig, merkt euch das für euren China-Trip): Ladet euch die DiDi-App (am besten über Alipay) runter. Taxis auf der Straße anhalten war gestern. Mit DiDi kommt ihr überall hin – ohne Diskussionen, ohne Missverständnisse. Früher hast du dem Fahrer eine Visitenkarte hingehalten und wurdest irgendwo im Nirgendwo rausgelassen… heute fährst du wie ein Local.

Das war mein Ankunftstag in Shanghai. Danke fürs Mitreisen. Danke fürs Zuhören. Und wir sehen uns im nächsten Teil wieder – hier in Shanghai.

Euer Dominik

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