Image
Image
Kapitel 2.3

ZWISCHEN MONITORLICHT UND MÜDIGKEIT

Zwischen Monitorlicht und Müdigkeit ist ein ehrlicher Blogbeitrag über Postproduktion, Final Cut, Überforderung, falsches Vertrauen und den Versuch, trotz Rückschlägen und Selbstzweifeln weiterzumachen.

Mit der Absage der Reise war die Geschichte nicht vorbei. Eigentlich fing sie da erst an.

Denn nachdem klar war, dass ich nicht nach Japan fliegen würde, kam von Jannis das Angebot, die Produktion stattdessen von hier aus zu begleiten. Von meinem Schnittplatz. Von meinem Studio. Von meinem Alltag. Von meinem Leben aus. Ich habe das damals dankend angenommen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich in diesem Moment noch gar nicht wusste, worauf ich mich da eigentlich einlasse. Hätte ich es geahnt, wäre meine Euphorie vielleicht einen Hauch kontrollierter ausgefallen. Vielleicht aber auch nicht. Ich kenne mich. Wenn sich irgendwo eine Tür öffnet, laufe ich nicht selten mit dem Kopf voran hindurch und wundere mich erst später über die Beule.

Was dann folgte, war keine sanfte Fortsetzung von Kapitel 2.2. Es war auch kein harmonischer Übergang von einer abgesagten Reise in ein neues Lernfeld. Es war eher eine Kollision. Zwischen dem, was ich gehofft hatte, und dem, was dann tatsächlich vor mir lag.

Fuji 2 Japan

Lernen ohne Geländer

Ich hatte geglaubt, ich würde in eine Form des Lernens geraten, die getragen ist. In eine Zusammenarbeit, bei der man die einzelnen Schritte gemeinsam durchgeht. Nicht permanent an der Hand genommen, nein. So naiv war ich dann auch wieder nicht. Aber doch in einer Art, die Raum lässt für Erklärung, für Austausch, für Rückfragen. Für dieses kleine Stück Menschlichkeit zwischen Aufgabe und Anspruch. Für das Gefühl, dass man jemanden nicht einfach nur in eine neue Welt hineinstellt, sondern ihm wenigstens kurz zeigt, wo vorne ist.

Genau das war nicht der Fall.

Stattdessen bekam ich Material. Klare Erwartungen. Klare Ziele. Klare Vorstellungen davon, was am Ende herauskommen soll. Was ich nicht bekam, war ein wirklich begleitetes Lernen. Es war eher die Variante: Hier ist das Rohmaterial. Hier ist die Richtung. Viel Erfolg beim Überleben.

Und so saß ich da.

Mit meinem Rechner. Mit Final Cut. Mit Dateien, die ich irgendwie ordnen, verstehen, formen und erzählen sollte. Und mit einem neuen Kosmos aus Fachbegriffen, Denkweisen, Abläufen und handwerklichen Anforderungen, in dem ich mich alles andere als zuhause fühlte. In der Fliegerei war das nicht anders gewesen. Auch dort gab es eine eigene Sprache. Eigene Begriffe. Eigene Codes für Situationen, Orte, Handgriffe, Zustände. Aber dort war ich über viele Jahre hineingewachsen. Dort war ich nicht fremd. Dort war ich irgendwann Teil des Systems geworden. In der Videografie dagegen war ich genau das erst einmal: fremd.

Und Fremdheit ist anstrengend. Vor allem dann, wenn sie nicht in Ruhe wachsen darf, sondern sofort funktionieren soll.

Viele Dinge, die in dieser Branche für andere selbstverständlich klingen, sind für jemanden, der neu darin ist, erst einmal nichts weiter als Geräusche. Begriffe ohne Boden. Abläufe ohne innere Landkarte. Und genau das hat mich in diesen Wochen immer wieder ausgebremst. Nicht, weil ich nicht wollte. Sondern weil ich vieles schlicht nicht kannte. Nicht konnte. Nicht einordnen konnte.

Natürlich leben wir inzwischen in einer Zeit, in der man sich mit modernen Mitteln vieles erschließen kann. KI, Tutorials, Recherche, endlose Suchbewegungen durchs Netz. Missverständnisse lassen sich heute oft schneller klären als früher. Das ist die gute Nachricht. Die weniger charmante lautet: Es ersetzt trotzdem nicht das Gefühl, von jemandem wirklich begleitet zu werden, wenn man gerade dabei ist, in etwas Neues hineinzuwachsen.

Und genau dort lag für mich einer der härtesten Punkte.

Nicht nur in der Arbeitsmenge. Nicht nur in der technischen Überforderung. Nicht nur in dem Gefühl, keinen klaren Fahrplan zu haben.

Sondern in dieser Mischung aus allem. In dem ständigen Erleben, was noch nicht reicht. Was noch nicht gut genug ist. Was noch nicht so funktioniert, wie es sollte. Und in der gleichzeitigen Erfahrung, dass man zwar Kritik bekommt, aber nicht immer Hilfe. Dass Erwartungen klar formuliert werden, Unterstützung aber eher in homöopathischen Dosen auftritt.

Das hat mich frustriert. Mehr als ich es mir eingestehen wollte.

Ich möchte das nicht unfair schreiben. Nicht aus Trotz. Nicht aus billiger Nachtreterei. Aber ich möchte es ehrlich schreiben. Denn getroffen hat mich an dieser Zeit vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der manches eingefordert wurde, ohne dass auf der anderen Seite viel Feingefühl, Erklärung oder echtes Auffangen stattgefunden hätte. Da war für mich teilweise eine Form von Ignoranz spürbar, die mich innerlich kalt erwischt hat. Nicht, weil jemand laut geworden wäre. Sondern weil gerade die Nüchternheit manchmal härter trifft als jeder offene Konflikt.

Und trotzdem ist es seltsam: Genau dieser Frust hat mich am Ende auch weitergetrieben.

Vielleicht, weil ich dem Frust irgendwann nicht mehr ausweichen konnte. Vielleicht, weil ich gemerkt habe, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als ihm entgegenzugehen. Vielleicht auch, weil in mir trotz allem noch immer dieser Trotz lebt, den ich selbst manchmal anstrengend finde, der mich aber in entscheidenden Momenten offenbar am Leben hält.

Wenn Arbeit zur Qual wird

Mein Alltag in dieser Phase war denkbar unspektakulär und gleichzeitig zermürbend. Ich stand morgens auf, machte mir meinen Kaffee, nahm meine Tabletten, saß oft zwischen sieben und acht Uhr bereits vor dem Rechner und begann wieder von vorn. Sichtung. Schnitt. Ton. Farben. Stabilisierung. Struktur. Lösungsversuche. Neue Probleme. Noch ein Versuch. Noch ein Fehler. Noch ein Umweg. Und dann irgendwann wieder dieselbe nüchterne Erkenntnis: Es ist immer noch nicht dort, wo es hinmuss.

Was mich zusätzlich belastet hat, war die Qualität des Ausgangsmaterials. Natürlich war es ein Vlog. Natürlich darf ein Vlog anders aussehen als ein sauber geplantes Kundenprojekt. Das verstehe ich. Aber manches Material war für mich wirklich grenzwertig. Verwackelt. Tonal problematisch. Farblich schwierig. Technisch in einer Form, die mit dem, was uns in der Ausbildung immer wieder als sauberes Arbeiten vermittelt wurde, nur noch lose verwandt war. Es ist ein merkwürdiger Zustand, wenn man etwas nach Idealen lernen soll und gleichzeitig mit Material kämpft, das diese Ideale in weiten Teilen freundlich ignoriert.

Auch das hat mich mürbe gemacht.

Denn trotz mehrfacher Hinweise änderte sich an der Ausgangssituation wenig. Es kam wenig echte Hilfestellung, wenig Korrektur an der Quelle, wenig Unterstützung, die den Prozess wirklich entlastet hätte. Und so saß ich dort oft allein mit Problemen, die ich weder verursacht hatte noch in meiner damaligen Erfahrungstiefe souverän lösen konnte.

Irgendwann war das kein romantischer Lernprozess mehr. Es war eine Qual.

Und ich schreibe dieses Wort bewusst. Weil es phasenweise genau das war.

Es gab Tage, an denen ich mich nicht mehr vor den Rechner setzen konnte. Nicht aus Faulheit. Nicht aus mangelnder Disziplin. Sondern weil meine Motivation so tief im Keller lag, dass selbst der Gedanke an das Projekt in mir schon einen Widerstand ausgelöst hat. Ich wusste teilweise nicht mehr weiter. Und was mich dabei zusätzlich getroffen hat, war die Erkenntnis, wie sehr ich innerlich noch immer aus meiner alten Welt kam.

Aus der Lufthansa. Aus dem Teamgedanken. Aus diesem über Jahre gelebten Prinzip, dass man sich gegenseitig auffängt, ergänzt und unterstützt. Dass Schwächen nicht bloß festgestellt, sondern mitgetragen werden. Dass Zusammenarbeit eben auch bedeutet, dem anderen dort entgegenzukommen, wo er alleine gerade nicht weiterkommt.

Hier aber war es anders.

Ich wurde nicht langsam hineingeführt. Ich wurde hineingeworfen.

Kopfüber. Mit einem sinngemäßen: Schwimm.

Und ja, ich bin geschwommen. Irgendwie. Manchmal mehr paddelnd als elegant. Manchmal mit Wasser in Nase, Kopf und Seele. Aber ich bin nicht untergegangen. Zumindest nicht ganz.

Was der Druck mit mir gemacht hat

 

Was darunter allerdings sehr wohl gelitten hat, war mein Umfeld. Meine Familie. Meine Stimmung. Meine Freundlichkeit. Meine Ruhe.

Ich war in diesen Wochen oft am Ende. Nicht nur müde. Nicht nur erschöpft. Sondern innerlich überreizt. Ausgelaugt. Dünnhäutig. Und ich war nicht immer der angenehmste Mensch für die Menschen, die mir nah sind. Das offen anzusprechen ist mir wichtig. Nicht, weil ich mich dafür in Selbstanklage wälzen möchte. Sondern weil Wahrhaftigkeit für mich nicht bedeutet, nur die schönen Sätze zu schreiben. Sondern auch die unbequemen.

Druck bleibt selten folgenlos. Und Überforderung sucht sich fast immer ihren Weg nach außen.

Trotzdem gab es in dieser Zeit auch Wendepunkte. Nicht groß. Nicht filmreif. Nicht mit Musikuntermalung und goldenem Licht.

Eher still.

Es waren Momente, in denen plötzlich etwas Klick gemacht hat. In denen ein Ablauf verständlicher wurde. In denen ein Schnitt nicht mehr nur Arbeit war, sondern langsam Form bekam. In denen sich aus diesem wilden Haufen aus Material, Unsicherheit und Frustration Stück für Stück etwas zusammensetzte. Wie ein Lego-Baukasten, bei dem man zuerst nur einzelne Teile in der Hand hält und irgendwann begreift, dass daraus tatsächlich ein Bild entstehen könnte.

Freiheit, Frust und falsches Vertrauen

Und vielleicht ist genau das die größte Wahrheit, die mir diese Phase gezeigt hat: Lernen kann weh tun.

Nicht symbolisch. Nicht in hübschen Kalendersprüchen. Sondern ganz real.

Es kann an den Nerven zerren. An der Geduld. Am Selbstwert. An der Kraft. Und Freiheit, das habe ich in dieser Zeit ebenfalls gelernt, hat mit Romantik nur sehr begrenzt etwas zu tun. Von außen wirkt Freiheit schön. Fast poetisch. Arbeiten, wann man will. Arbeiten, wie man will. Projektbezogen. Eigenständig. Kreativ. Unabhängig. Klingt herrlich. Ist es in manchen Momenten auch. Aber Freiheit heißt eben auch, dass niemand kommt, um dich aufzufangen, wenn du gerade feststellst, dass dein Können noch nicht mit deinem Anspruch Schritt hält.

Freiheit verlangt. Sie verspricht nicht.Mount Fuji

Und sie bezahlt einen nicht automatisch für den Glauben an sich selbst.

Auch an anderer Stelle habe ich in diesen Wochen einiges gelernt. Leider nicht nur über Schnitt, Postproduktion und Final Cut. Sondern wieder einmal auch über Menschen. Über falsches Vertrauen. Über große Worte mit wenig Substanz. Über das alte Muster in meinem Leben, zu glauben, wenn jemand etwas freundlich sagt, werde es schon ehrlich gemeint sein. Diese Lernkurve ist inzwischen beinahe traditionell unerquicklich.

Denn auch in dieser Phase habe ich einen spontanen Auftrag übernommen. Offen, freundlich, loyal, wie ich eben bin. Und auch da bin ich wieder auf die Nase gefallen. Bis heute laufe ich meinem Geld hinterher. Auch das gehört offenbar zur modernen Arbeitswelt: Alle wollen Einsatz, Tempo, Qualität, Verlässlichkeit. Aber wenn es um Fairness, Bezahlung oder echtes Entgegenkommen geht, wird es plötzlich erstaunlich still.

Ich kann diese Moral in unserem Land immer weniger nachvollziehen.

Es wird gefordert. Verlangt. Erwartet.

Aber gegeben wird wenig.

Und vielleicht ist genau das eine der bittersten Erkenntnisse dieser letzten Wochen gewesen: dass meine Art, loyal, ehrlich, gutgläubig und verbindlich zu sein, heute oft weniger als Stärke gelesen wird, sondern eher als Einladung zur Ausnutzung. Das tut weh, weil es keine Eigenschaft ist, die ich mir leichtfertig angeeignet habe. Das sind Dinge, die mir mitgegeben wurden. Von meinen Eltern. Von meinem Leben. Von einer Erziehung, die davon ausging, dass Anstand einen Wert hat.

Heute habe ich manchmal das Gefühl, Anstand ist nur noch dann willkommen, solange man ihn bei anderen abholen kann, ohne ihn selbst zurückgeben zu müssen.

Auch das hat mich getroffen. Vielleicht sogar tiefer, als ich es zunächst zugeben wollte.

Denn gleichzeitig trage ich ohnehin schon genug Verluste in mir. Ich habe meine Mutter verloren. Ich habe meinen beruflichen Halt verloren. Ich habe Vertrauen verloren. Ich habe Zeit, Geld, Kraft und sehr viel emotionale Substanz in mein neues Projekt Luftraumwerk investiert. Nicht nur in Technik. Nicht nur in Material. Sondern in Hoffnung. In Identität. In Zukunft.

Und ich habe gehofft, dass genau diese Projekte, an denen ich arbeite, mir Schritt für Schritt eine neue Richtung öffnen. Der Fußballcoach, den ich geschnitten habe. Die sportliche Veranstaltung, die ich gefilmt habe. Die Arbeit für Jannis. Der Versuch, mitzugehen, zu lernen, zu wachsen, einen Platz zu finden. Nicht nebenbei. Nicht halb. Sondern wirklich.

Ich tue das noch immer.

Und trotzdem bleibe ich

Denn so unerquicklich die letzten Wochen auch waren, so unerquicklich manche Menschen sich ebenfalls verhalten haben, so wenig Licht ich am Horizont im Moment manchmal auch sehe — ich habe nicht aufgegeben.

Im Gegenteil.

Aus dem Japan-Vlog wurde inzwischen ein Thailand-Vlog. Dazu kam noch ein Über-mich-Schnitt von Jannis. Und ich mache weiter.

Nicht, weil alles leicht wäre. Nicht, weil plötzlich alle an mich glauben. Nicht, weil sich die Welt auf wundersame Weise entschieden hätte, mir nun doch wohlgesinnt zu begegnen.

Sondern weil ich selbst noch daran glaube.

Vielleicht stolpere ich irgendwann über die richtigen Menschen. Vielleicht über jemanden, der nicht nur redet, sondern wirklich meint, was er sagt. Vielleicht über jemanden, der nicht nur fordert, sondern auch trägt. Vielleicht über jemanden, der in mir nicht nur das Unfertige sieht, sondern das, was entstehen will.

Ich bin bereit, viel zu opfern. Das war ich immer.

Aber ich bin nicht mehr bereit, nur noch zu investieren, während andere aus sicherer Entfernung zuschauen, urteilen oder sich bedienen. Auch das ist eine Form von Lernen. Eine teure. Aber offenbar notwendig.

Was ich im Moment bin, ist müde. Zerzaust. Manchmal entmutigt. Manchmal wütend. Manchmal hoffnungslos.

Und trotzdem bin ich noch hier.

Vielleicht ist das im Augenblick noch kein Triumph. Noch kein Lichtkegel am Ende des Tunnels. Noch keine Heldengeschichte, die man geschniegelt und mit guter Musik unterlegen könnte.

Aber es ist die Wahrheit.

Ich bin noch hier. Ich arbeite noch. Ich lerne noch. Ich kämpfe noch. Und ich glaube noch.

Vielleicht ist genau das im Moment alles, was ich habe. Aber vielleicht ist genau das auch mehr, als ich manchmal selbst begreife.

Euer Dominik

Willkommen an Board.


Podcasts

Share Post